Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Alternativ-Urlaub: Hütte statt Hotel

Alternativ-Urlaub: Hütte statt Hotel | © Yvonne Kuschel
Alternativ-Urlaub: Hütte statt Hotel
Foto: Yvonne Kuschel

Kein Strand, kein Boxspringbett – kurz: kein Hotel. Seiner Freundin zuliebe urlaubt York Pijahn in einer Berghütte.

Meine Freundin gehört zu der Sorte Großstädter, die sich mit Überlebensausrüstung dekorieren, um das Cityleben ein bisschen mit Naturaroma zu beduften. Meine Freundin besitzt Messer, aus denen man kleine Werkzeuge ausklappen kann. Falls man auf dem Weg ins Büro einen Biber schächten oder ein Lawinenopfer ausbuddeln muss. Ich habe eine Outdoor-Freundin. Und wo die ist, ist auch immer ein bisschen die Ostflanke des Nanga Parbat.

Ihr Outdoor-Tick wird jeden Sommer zum Problem. Sie will zelten, ich will an Orten sein, wo pastellfarbene Schirmchen in Getränken stecken. Und es jemand zu seinen Aufgaben zählt, meinen Bademantel zu einer Frottee-Skulptur zu falten. Nachdem wir letztes Jahr in einem Wellness-Hotel auf Lesbos waren, das nur aus in der Brise schwingenden Vorhängen, Klangschalenmusik und perfekt zur Sonne ausgerichteten Teakholzliegen bestand, darf meine Freundin diesmal den Urlaub für uns buchen.

Die Lieblingshotels der Redaktion

Die Lieblingshotels der Redaktion | © iStock | Oleh_Slobodeniuk

Jetzt stehe ich auf einer Bergwiese in Südfrankreich. Hinter mir der Mietwagen, aus dem wir gerade ausgestiegen sind. Hier wohnt Günther, der Onkel meiner Freundin, zusammen mit seinen Söhnen, zwei kettenrauchenden Raubeinen, die sich zur Konfirmation vermutlich Motorsägen gewünscht haben und seitdem nicht aufgehört haben zu sägen, zu schweißen, zu flexen, immer mit Kippe im Mund. Wobei sie mittlerweile diesen Kippe-im-Mund-Gesichtsausdruck haben, auch wenn sie gerade keine Kippe im Mund haben. Ich sehe das Feldsteinhaus von Onkel Günther am Waldrand. Aber meine Freundin zeigt auf eine Hütte. "Voilà, das Chalet!" Man hört sofort, dass sie den Satz geübt hat.

"Ich entwickle Lügentechniken, um nicht als Wellness-Weichei dazustehen"

"Das Chalet" besteht aus zwei Räumen mit je einem Bett. Es gibt einen Gaskocher, einen Tisch, drei Stühle, alles riecht nach Gummistiefel. "Wie findest du es?" Um meine Antwort zu verstehen, hier ein Blick in die Seele von Männern mit Outdoor-Freundin. Neben so einer Frau Punkte zu machen ist quasi unmöglich, und man entwickelt Lügentechniken, um nicht als Wellness-Weichei aus der Duftkerzenabteilung dazustehen. Technik 1: "Ich finde es super!" Kurze Sätze mit Ausrufezeichen. Da kommt gar nicht der Verdacht auf, dass es eine zweite Meinung geben kann. Technik 2: Begeisterte Fachsprache. Als die Cousins am Nachmittag vorbeikommen, begrüße ich sie mit "Na, was macht das Busch-Moped?" Ist unter Meistern des Manuellen ein Synonym für "Motorsäge" und schickt das Signal, dass man sich ein Leben ohne Maloche in der freien Natur nicht vorstellen kann. Technik 3: Beim Trinken von Quellwasser, beim Ausstrecken auf piksenden Schafkacke-Wiesen und Einrollen in klamme Schlafsäcke extralaut "Aaaah" sagen. Als hätte man all die Monate zu Hause auf der 1000-Euro-Kaltschaummatratze nur darauf gewartet, mal wieder auf einer Knastpritsche zu liegen.

Am letzten Tag sitzen wir auf der Bergwiese in dieser teenagerhaften Abfahrtslaune. Man klammert sich an die letzten Stunden der Ferien wie an ein warmes Bett. Es ist ein Supermoment: Die Berge leuchten in Wassermalkastenfarben und ich muss zugeben, dass etwas in mir sehr ausgeruht ist. Meine Freundin fragt, ob ich irgendwas vermisst habe, und ich denke "Espresso, meinen Bademantel, ein richtiges Kopfkissen". Und sage: "Nichts."