Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Diät-Duell unter Männern

Diät-Duell unter Männern | © Yvonne Kuschel
Diät-Duell unter Männern
Foto: Yvonne Kuschel

Ja, auch Männer kämpfen mit den Kilos. York Pijahn und sein Freund Stulli wollten abnehmen – und befanden sich plötzlich in einem seltsamen Diät-Duell.

Schwer zu sagen, wann es angefangen hat: dieses Gefühl, dass da was von hinten gegen den Gürtel drückt. Vermutlich schon im letzten Winter, der so lang und räudig kalt war, dass man zwischen sich und dem Wetter eine Mauer aus Croissants, zweitem Frühstück im Büro und Asia-Mann-Kokosnusssuppen bauen musste. Es war herrlich, mein Bauch sagte jeden Abend danke und ich bereue nicht einen Happen.

Als Mann merkt man, dass man zu viel wiegt, wenn Freunde anfangen, auf einem rumzuhacken. Es ist ein brutales, aber gut gemeintes Zeichen von Große-Jungs-Intimität. Und klingt dann so: "Na, Plauzenbär, immer noch schwanger oder hat da jemand ein Kissen unter das zu enge Polo geschmuggelt? Soll ich den Kaffee frittieren oder bleibst du dann wieder in der Ikea-Rutsche stecken?"

"Ich vermisse Kuchen wie eine Geliebte, die durchgebrannt ist, während ich mit ihrer buckligen Schwester namens Apfelmüsli zurückbleibe"

Stulli und ich treffen uns seit Jahren jeden zweiten Morgen vor der Arbeit in einem Café oberhalb des Hamburger Hafens, gucken auf die tutenden Schiffe und nippen am Cappuccino. Hier haben wir unseren Abnehmplan besprochen: drei Monate Sport, keinen Alkohol, keinen Kuchen, jedes Wochenende – egal bei welchem Wetter – Rennrad fahren, pro Tag vier Liter Wasser trinken. Ich befinde mich gerade in Woche drei unseres Abnehmprogramms und es ist toll. Pause. Nein. Ist es nicht. Ich habe Hunger in Kombination mit permanentem Muskelkater. Ich möchte Nutella löffeln. Kuchen essen. Nutellakuchen, gibt es so was? Ich vermisse Kuchen wie eine Geliebte, die ich verschmäht habe und die jetzt mit einem anderen durchgebrannt ist. Mit dem hat sie jetzt aufregenden, verdorbenen Sex, während ich zurückbleibe. Mit ihrer buckligen Schwester namens Apfelscheiben-Müsli.

Und auch zwischen Stulli und mir läuft es nicht mehr so. Er hat sich zu einem Gesundheitsklugscheißer entwickelt, der seinen Cappuccino mit Süßstoff trinkt. Zu Stulli sollte ich vielleicht an dieser Stelle erwähnen, dass er auf eine biologisch sehr interessante Art fett ist. Er ist schlank, hat aber eine Plauze, die ihm wie ein schlecht aufgepumpter Basketball über dem Gürtel hängt. Ach, das tut gut, auf ihm rumzuhacken, fast wie Kuchen essen. Ich hingegen bin auf eine zehnkämpferhafte Art stämmig. Ich habe lediglich meine windhundhafte, vielleicht sogar Gandhi-hafte Erscheinung der letzten Jahre gegen ein stärkeres, maskulineres Ich eingetauscht – so sehe ich das. Stulli formulierte es neulich so: "York, du hast Hüftringe und eine Tendenz zum Politiker-Doppelkinn."

Testosteron macht uns Männer zu Wettbewerbs-Wesen und so nehmen Stulli und ich zwar ab. Aber immer mit dem missgünstigen Blick des Undercoveragenten, der die Fortschritte des anderen notiert und nach Moskau weitergibt. Stullis neuestes Unfair-Manöver: beim Mittagessen sagen "Ich bin satt, kannst meinen Teller haben". Nice try. "Sorry Stulli, ich kann nicht mehr, ich hab von den Sit-ups gestern so ein Ziehen im Bauch und wollte heute noch schwimmen gehen, da will ich vorher keinen Riesenteller Tomate-Mozzarella essen." Es wirkt, wir nehmen ab. Und haben permanent schlechte Laune.

"Na, macht ihr beiden Mädchen immer noch euren Abnehm-Quatsch?", fragte gestern meine Freundin Silke, sie kaute einem Croissant die krossen Ecken ab, wir Cappuccinoschaum. "Wisst ihr, wie entnervt ihr ausseht? Geht meinetwegen joggen, aber bitte esst wie früher Bolognese und trinkt Wein. Seid ihr Männer oder Ballerinen?"

Okay, Männer. Ich werde es in diesem Leben nicht mehr schaffen, einen Waschbrettbauch zu bekommen. Stulli und ich werden weiter Rad fahren, aber nicht mehr im strömenden Regen. Wir werden morgens Kaffee trinken und Croissants in die Tassen tauchen, wenn uns danach ist. Silke will uns einen Nutellakuchen backen. Die Geliebte ist zurück.