Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Ferien am Nacktstrand

© Yvonne Kuschel
Foto: Yvonne Kuschel

York Pijahn hat sich ein Ferienhäuschen an einem See gekauft. Was er übersehen hat: Am Strand herrscht FKK-Pflicht!

Meine Freundin und ich haben vor einem halben Jahr ein winziges Ferienhaus außerhalb von Berlin gekauft. Es war unglaublich billig und riecht, obwohl wir es mehrfach weiß gestrichen haben, diffus nach Kaninchen. In den Wänden und im Dach - das haben wir beim Renovieren gemerkt - steckt die gesamte DDR-Asbestproduktion der 70er. Ich will nicht mosern. Das Haus liegt immerhin direkt an einem FKK- Badesee. Pause, Pause, Pause.

Stark, wie drei Buchstaben alles verändern können, oder? FKK. Ich wusste davon nichts, als wir das Haus gekauft haben. Meine Freundin schwört, sie auch nicht. "Ick sach ma, die Saison is eröffnet, wa?" Diese Stimme gehört Herrn Koschinsky. Er ist unser berenteter Ferienhaus-Nachbar. Und seit der Frühling da ist: so was wie ein Bademeister. Er gefällt sich in der Rolle des rosahüftigen FKK-Draufgängers, der die paar Meter zum Wasser gern "uffem Drahtesel juckelt". Stellt euch bitte einen nackten Wim Thoelke auf einem Herrenrad vor, an den Lenker ein Transistorradio geschnallt. Wer Herrn Koschinsky in Aktion gesehen hat, vergisst ihn nie wieder. Wie sehr man sich das auch wünscht.

"Wahre FKK-Fans lieben Ballsport"

Meine Freundin, die als Kind einer 68er-Mutter zwischen Leuten aufgewachsen ist, die nackt in Berliner Parks jonglierten, sagt, ich solle nicht so ein Spießer sein. Der Lieblingssatz von FKK- Fans, sie haben dabei so herrlich moralisch Oberwasser. Um vor meiner Freundin nicht als verklemmt dazustehen und gegenüber den ostdeutschen Ferienhaus-Nachbarn nicht als nörgeliger Wessi, der ihnen erst ihre Lieblings-Asbestbaracke abgeluchst hat und jetzt am Strand als Einziger in Badeshorts sitzt, mach ich FKK. Seit drei Wochen. Widerwillig. Aber das ist meinem stromlinienförmigen Charakter geschuldet, vom Wunsch beseelt, es möglichst gut zu machen.

Regel 1 für FKK-Anfänger: Nackt sein allein reicht nicht. Wahre Fans betreiben mit dieser ungebremsten Energie, die man aus der Hundefutterwerbung kennt, Ballsport. Ich habe mehrfach mit Herrn und Frau Koschinsky Volleyball gespielt. Auch Boccia, wobei ich mich unheimlich ungern nach Bällen bücke. Das sind Reste meiner Bielefelder Spießererziehung.

Regel 2: Tragt irgendein Kleidungsstück, solange es keine Hose ist. FKK-Fans lieben es, nichts außer Turnschuhen anzuhaben. Oder einen Sombrero. Unser Sohn, dreijährig, der eh die Tendenz hat, sich ungefragt an öffentlichen Orten auszuziehen und die Worte "Ich mache nacki!" zu krakeelen, hat das sofort kapiert und trägt am Strand oft eine blaue Teddybär-Fellweste. Er sieht aus wie etwas Skalpiertes aus der "Muppet Show", aber meine Freundin sagt, das sei wunderbar so und zeige den richtigen Spirit.

Regel 3: Kommt mit Leuten in Kontakt. Während man in der Sauna, dem einzigen mir bekannten Ort für öffentliche Nacktheit, nicht das Gespräch sucht, ist das am FKK-Strand ganz anders. Bereits zweimal habe ich Leute nackt um Grillkohle gebeten und war schon einmal nackt beim Zeitungskiosk, der am FKK-Strand steht. Dahin kommen auch komplett angezogene Leute, was mich kurz hat zucken lassen. Ihnen ging es ähnlich. Als mich ein Familienvater mit einem Hauch von Vorwurf anschaute, habe ich meinen neuen Lieblingssatz gesagt: "Seien Sie doch nicht so ein Spießer." Und mein Sohn: "Wir machen nacki." Hat sich super angefühlt.

Ich glaube, nächste Woche probiere ich mal Herrn Koschinskys Fahrrad aus.