Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Frauen in Geländewagen

Frauen in Geländewagen sind sexy | © Eric Giriat
York Pijahn findet Frauen in Geländewagen ziemlich sexy.
Foto: Eric Giriat

Erstaunlich, dass Menschen mit so kleinen Füßen so große Autos fahren können. York Pijahn sieht ständig Frauen in Geländewagen und findet sie ziemlich sexy.

Ein neues Wesen hat die Straßen meiner Stadt erobert: die Frau im SUV. Im was? Im SUV! Sagen wir die drei Buchstaben gemeinsam: Ess, Juu, Wieh. Wie viel cooler geht das über die Lippen als "Kombi"! Wie viel mehr klingt das nach Super-Duper-Austauschjahr in Amerika, den Lands’-End-Parka lässig über den Kaffeebecherhalter geworfen, während der Golden Retriever auf einem der zehn Sitze des Mega-Wagens lächelt! SUV – Abkürzung für Sport Utility Vehicle, den Geländewagen für die Stadt.

Wenn ihr gerade hängen geblieben seid, geht’s euch wie mir. Geländewagen für die Stadt? Ist das so was wie Gummistiefel für die Oper? Wer einen Geländewagen für die Stadt braucht, wünscht sich auch eine Fallschirmausrüstung für den Sprung vom Ein-Meter-Brett, oder? SUV-Fahrer glauben, sie schaukelten durch die Hamptons, wenn sie durch Hannover fahren, sie hoffen, dass auf dem Weg ins Büro eine Lawine abgeht, ein Blizzard losbricht, ein reißender Fluss auf dem Supermarktparkplatz auftaucht.

Okay, hier trieft der gute alte Spaßverderber-Sozialneid aus jeder Zeile. Denn alle wie ich, die keinen SUV fahren, müssen aufschauen – zu den Frauen auf Truckerhöhe. Der SUV ist ein Frauenauto, auch wenn er wie eine von Ledermachos entworfene Kreuzung aus Panzer und Toaster aussieht, der Testosteron aus der Wischanlage schießen kann. Fast jeder zweite SUV wird von einer Frau gefahren, Tendenz steigend. In den USA gibt es Designerteams, die nur aus Frauen bestehen – für den weiblichen SUV-Markt. Die Wahrheit ist: Männer macht das neidisch.

Mit Autos auf dicke Hose machen war lange eine Männerdomäne. Jetzt sitzen Frauen am Steuer von zwei Tonnen Stahl, die eine Pferdeherde überrollen können, ohne dass die CD im Player springt. Ein Schlenker, und es gibt keinen Unfall, sondern ein Massenbegräbnis. Kein Wunder, wenn ein Auto zweieinhalb Meter hoch, sieben Meter lang ist und einen Wendekreis hat wie der Space Shuttle. Jeder Mann hat als Kind davon geträumt, ein Feuerwehrauto zu fahren, einen Kran zu steuern, mit 10 000 PS unterm Po, an den Hebeln der Macht. Noch heute stehen wir vor Baustellen und starren auf die Burschen, die kein Button-Down-Hemd haben, aber einen Baggerführerschein.

Dass Frauen besser Auto fahren als Männer, wussten wir. Jetzt haben sie auch noch die fettere Karre

Diesen Traum haben die Frauen jetzt gekapert. Sie schauen vom Fahrersitz bis zum Horizont, während alle anderen das Kleingedruckte auf dem Nummernschild des Autos vor sich lesen müssen. Der Blick von einem normalen Wagen hoch zu einer SUV-Fahrerin zeigt kein Gesicht im Profil, man starrt zu einem Reiterstandbild hinauf. Das ist auf eine erniedrigende Sadomaso-Art ganz sexy, aber ansonsten niederschmetternd. Dass Frauen besser und sicherer Auto fahren als Männer, wussten wir. Jetzt haben sie auch noch die fettere Karre.

Was tun? Trost spendet das Land, das sich die klobigen Kisten ausgedacht hat: Amerika. Hier geht der SUV-Trend in die nächste Runde – und guess what? Die neue Generation von SUVs ist noch größer. Die Rede ist von Geländewagen, die ein ganzes Ölfeld leer trinken. Wie aber verkauft man die normalen SUV-Modelle, die ja immer noch in den Showrooms der Autohändler stehen? Oder die deutschen Mini-Geländewagen, die jetzt kommen? Das Zauberwort der Autoverkäufer heißt garageability. Soll heißen: Der Wagen passt noch in euren Carport. Für die amerikanischen XXL-Versionen braucht ihr nämlich einen Hangar.

Wenn ich das nächste Mal im Schatten eines SUV an der Ampel stehe und der Neid mein Karma annagt, werde ich an unsere deutschen Garagen denken, werde garageability, garageability als schützendes Mantra aufsagen und dann ein Ätschi-Bätschi. Übrigens, ein super Name für einen Kleinwagen. Der neue Ford Ätschi-Bätschi. Parkt dort, wo andere nicht mal mit dem Außenspiegel reinpassen.

Und auch die "100 Zeilen Liebe"-Kolumnen "Alternativ-Urlaub", "Ex-Freundinnen" und "Das haarige Wunder" solltet ihr nicht verpassen!