Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Leben mit Scheidungsfreund

Leben mit Scheidungsfreund  | © Yvonne Kuschel
Foto: Yvonne Kuschel

Sein bester Freund lässt sich scheiden. York Pijahn ist traurig – und freut sich ein bisschen. Ein Bekennerschreiben.

Ich war in den letzten drei Jahren auf acht Hochzeiten. Ich habe eine Tonne Reis auf Brautpaare geworfen. Ich habe mit anderen Gästen Seidenpapierballons mit meinen Wünschen fürs Paar in den Sommer- Nachthimmel von Berlin, Bielefeld, Hamburg steigen lassen. Ich schreibe mittlerweile immer "Ich wünsche euch ewige Liebe" auf das Ballon-Etikett, routiniert wie ein Fußballer, der Autogramme signiert. "Ewige Liebe", das passt ja irgendwie immer.

Und jetzt? Lässt sich mein Freund Stulli scheiden. Er und seine Frau waren das Vorzeigepaar in unserem Freundeskreis – die Ersten, die vor acht Jahren geheiratet haben. Klinkerhaus, zwei Kinder, zwei Jobs, zwei Autos. Cappuccino-Tassen auf dem Küchenregal, Rollrasen vor der Terrasse und eine Menge Lifestyle-Fuzzi-Utensilien. Große Liebe, wenig Zeit, eine Affäre. Paartherapie bei einem Hamburger Psychologen, der laut Stulli aussah wie Martina Navratilova mit Drei-Tage-Bart. Und dann vor drei Monaten Stullis Stimme am Telefon: "Wir lassen uns scheiden."

"Getrennt? Cool, endlich wieder ein Single als Freund"

Seitdem hat er wochenlang bei meiner Freundin und mir zu Abend gegessen, ich habe ihm geholfen, die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung zu finden, in der er jetzt lebt und in die am Wochenende seine Kinder kommen, die mit ihren neuen Rollköfferchen aussehen wie zwergwüchsige Flugbegleiter. Es ist schrecklich. Und darf ich ehrlich sein? Es ist großartig. Denn Stulli ist zurück. Nach Jahren des Abgetauchtseins in Hausbau, Spargelessen bei dicken Neubaugebietsnachbarn und Wochenendfahrten mit seinen Schwiegereltern. Wir telefonieren täglich und trinken morgens auf dem Weg zur Arbeit oberhalb des Hamburger Hafens einen Espresso, wie wir es früher oft gemacht haben. Er ist mies drauf, ich darf trösten. Ich schäme mich, aber hinter dem Vorhang meines "Es tut mir so leid" gibt es eine Stimme, die sagt: Cooool, ich habe wieder einen Single-Freund. Und da ich mich mit diesem Bekenntnis sowieso schon im Hotel Hölle eingemietet habe, kann ich das hier auch noch zugeben: Ich fand es immer schon grausam, wenn all meine Freunde in Beziehungen leben und die Frage "Wie geht es dir?" zu einem lauwarmen "Wie geht es euch?" mutiert. 

Da die Götter Egomanie mit dem ganz großen Baseballschläger bestrafen, hat Stulli vor vielleicht drei Wochen seine Ich-lass-mich-scheiden-mein-Leben-ist-vorbei-Phase beendet. Stulli ist jetzt einigermaßen drüber weg. Und hat wieder Energie. Pärchenverachtende Single-Energie. "York, du Schlappsack, wann waren wir das letzte Mal tanzen? Früher fing ein Abend mit Kino an, heute hört er damit auf, was ist mit dir los, Mann?"

Stulli geht jetzt an fünf Tagen in der Woche aus, ist in einem Fitnessstudio, hat neue Klamotten und sieht unheimlich gut aus. Und will nicht mehr bei meiner Freundin und mir abends Trostpasta mit Parmesankäse mampfen und "Jenseits von Afrika" gucken. Er will feiern in der Champagnersupernova des Singletums. Stulli und ich waren in einem neuen Club, der laut ihm "der ganz heiße Scheiß" ist. Um Stulli zu beweisen, dass ich es noch voll draufhabe, bin ich mitgekommen. Ich hatte Babybrei unseres Sohnes an der Jeans, einen langsam warm werdenden Gin Tonic in der Hand und hätte vor Müdigkeit gern geweint. Wofür mich Stulli mit einer Mischung aus Verachtung und aggressivem Hohn behandelt hat.

Kommendes Wochenende gehe ich mit meiner Freundin auf Hochzeit Nummer neun. Stulli wird uns begleiten. Meine Freundin und ich werden mit Reis schmeißen, Stulli wird über die Pärchen lästern und die traurigen Liebeslieder auf der Tanzfläche vermeiden. Wenn es gut läuft, werden wir am Ende zusammen ein paar Ballons steigen lassen. Alles auf Anfang. Love is in the air. 

Und auch diese "100 Zeilen Liebe"-Kolumnen solltet ihr nicht verpassen: "Hobbyköche", "Junge Cheffs" und "Besuch bei Mutti"

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