Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Männer-Erkältung

Zeichnung von erkälteter Frau | © Anoushka Matus
Die Männer-Erkältung ist eine häufig tödlich verlaufende Krankheit, zumindest fast.
Foto: Anoushka Matus

Bei Männern führt eine Erkältung in die Nähe des Todes. Ganz anders bei Frauen. Die leiden mit Schal, Charme und frisch gepressten Säften. York Pijahn ist jedenfalls neidisch.

In meiner idealen Welt gibt es Männerärzte an jeder Ecke. Sie behandeln vor allem: die Männer-Erkältung. In meiner idealen Welt sagen Männerärzte Sätze wie "Oha, Sie haben eine Männer-Erkältung, das ist ja eine oft tödlich verlaufende Krankheit." Worauf ich zu dem Arzt, dem dicke weiße Haare aus den Ohren wachsen, sage: "Ich weiß, Doc. Was würde eigentlich passieren, wenn Frauen so was bekämen?" Darauf er, mit Knarzstimme à la Harry Rowohlt: "Die Viren würden eine Frau binnen Stunden töten! Glücklicherweise sind Frauen dagegen immun", hier lächeln wir uns wissend zu, "und Frauen-Erkältungen viel harmloser." Ich ziehe die schnoddernde Nase hoch.

Aber da wir in dieser unvollkommenen Welt leben und durch den Erkältungsherbst müssen, handelt dieser Text von einer Demarkationslinie. Männer hier, Frauen dort. Und ich sage es offen, in Erkältungsfragen schauen wir Männer neidisch rüber auf die andere Seite. Denn während eine Männer-Erkältung es praktisch unmöglich macht, die Rotzfahnen vorm Bett wegzuräumen, das sofortige Einstellen der Körperhygiene zur Folge hat und nur durch Antibiotika und hochdosiertes Mitleid über neun Wochen geheilt werden kann, ist es bei Frauen so ganz anders.

"Statt Halsschmerzen legt sich bei uns eine Angina pythongleich um die Gurgel. Den Sarg in Fichte, bitte!"

Erkältete Frauen tragen pastellfarbene Schals. Sie liegen zwar auch im Bett, aber irgendwie anders. Mit übereinandergeschlagenen Beinen, neben ihnen liegt ein kleiner Stapel kluger Zeitschriften, es riecht leicht nach Pfefferminz. Der ganze Laden atmet Eleganz und Zuversicht. Taschentücher kommen aus einer Pappbox, auf der ein paar bekiffte Schmetterlinge ihre Runden drehen. Erkältete Frauen nehmen sich eine Auszeit zwischen frisch gepressten Säften, jemand hat Blumen gebracht. Wahrscheinlich eine Kollegin, die – haha, ist doch ein Klacks! – trotz Erkältung ins Büro geht. Und danach zum Yoga. Zwischendurch putzen sich erkältete Frauen die Nase. Leise! Wie geht das eigentlich? Leise Nase putzen? Männer führt die Erkältung in die Nähe des Todes. Die Hochleistungsmaschine, für die auch der lahmste, dickste Peter-Ustinov-Typ seinen Körper hält, hat einen Totalschaden. Sabotage! Wir sind nicht krank, sondern verwundet, statt läppischer Halsschmerzen hat sich eine Angina pythongleich um unsere Gurgel gelegt. Es geht zu Ende. Den Sarg in Fichtenholz, bitte.

Ginge es nach mir, gäbe es eigene Werbespots für Männer-Erkältungsmedikamente. Eine Marktlücke! Die Werbung würde in den Schützengräben der Normandie spielen und Soldaten brüllten im Kugelhagel: "Verdammt John, lass den Typen mit Bauchschuss ruhig liegen. Der hier muss als Erster zum Sanitäter. Er hat eine verdammte Männer-Erkältung."

So. Die Zähigkeit von Frauen angesichts von Schmerz und Krankheit ist beeindruckend und rätselhaft. Bekämen Männer Kinder, würden sie beim nächsten Herrenabend mit der Größe der Dammschnittnarbe prahlen. "Ich hab 18 Stunden in den Wehen gelegen und dann doch Kaiserschnitt. Jungs, die haben mich vom Adamsapfel bis zum Oberschenkel aufgemacht."

Frauen kränkeln und genesen. Wir stehen staunend daneben. In meiner idealen Welt habe ich auch mal eine Frauen-Erkältung. Sitze auf dem Sofa, gucke mir alte Folgen von "Hart, aber herzlich" an, während ich eine neue Bemalung meiner Zehennägel ausprobiere. Ich weiß, ich muss nicht sterben. Ich muss keine Angst haben, dass der Brockhaus mein Bild neben den Stichworten Selbstmitleid und Heulboje abdruckt. Jemand reicht mir Tee und sagt: "Ist nur ein Schnupfen." Ich lächle und sage: "Ich weiß."