Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Midlife Crisis

Midlife Crisis | © Yvonne Kuschel
Foto: Yvonne Kuschel

So gern wäre York Pijahn ein bisschen wie Leonardo DiCaprio. Gerade jetzt, kurz vor seinem 40. Geburtstag.

Ich werde in drei Wochen 40. Und ich habe das erste Mal im Leben eine Praktikantin. Sie heißt Kirsten, ist halb so alt wie ich und glaubt, dass Helmut Schmidt ein in Paris lebender Modedesigner ist.

Ich will es vorsichtig formulieren: Kirsten ist eher die Energiesparlampe im Praktikanten-Sortiment. Aber trotzdem zurzeit die wichtigste Frau in meinem Leben – dazu später. 40. Es gibt Männer, die mit dem Älterwerden kein Problem haben. Und die den Schritt zum kantigen Kerl sensationell hinbekommen. Wie Leonardo DiCaprio. Eben noch ein Bubi an Deck der "Titanic", hat er plötzlich ein doppelt so breites Gesicht, einen Kiefer, mit dem man Schraubenzieher durchbeißen kann, und mehr Testosteron in den Adern als eine Gladiatorenschule in Sparta. Der Leonardo-Di-Caprio-Effekt will sich bei mir leider nicht einstellen. Ich sehe von Jahr zu Jahr einfach abgewohnter aus. Seit kurzem benutze ich, ein Tipp meines Freundes Stulli, Augencreme fürs ganze Gesicht. Wenn Männer für immer jung bleiben wollen, nennt man das Peter-Pan-Syndrom. Etwas Peter-Panigeres als mich gibt es zurzeit nicht.

Ich erzähle allen, dass ich 40 werde. Das teilt die Menschen in meinem Umfeld in zwei Gruppen: in Schleimer und in diejenigen, die mich mit Häme überziehen. Ganz vorn auf der Häme-Liste ist mein Ex-Chef, den ich regelmäßig in der Kantine treffe. Ein Mann Mitte 60 mit einzelnen, sehr langen Augenbrauenhaaren und zu engen Karohemden, unter denen sich das abzeichnet, was man unter Jungs "Herrentitten" nennt: "40! Glückwunsch! Dann sind Sie ja jetzt auch auf dem Rückflug." Auch. Auch auf dem Rückflug. Nachdem ich jahrelang wie ein Welpe durch die Wiesen der Unbeschwertheit getollt bin, sitze ich jetzt im gleichen Flugzeug Richtung Klettverschlussschuhe-Land wie mein Ex-Chef. Verdammt. Die Schleimer sind nur bedingt besser. Meine Freundin sagt, ich sähe gut aus für einen Mann mit 40. In diesem Satz ist ja schon so viel falsch, dass man gleich losheulen will. Es ist Schleimen aus Liebe, aber es bleibt Schleimen. Es ist Mitleid mit einer rosa Schleife außenrum, aber es bleibt Mitleid.

"Mein Ex-Chef sagte: '40? Dann sind Sie ja jetzt auch auf dem Rückflug'"

Man muss kein großer Kenner der Seele sein, um zu ahnen, dass jetzt die Zeit für Übersprunghandlungen ist, um mir und der Welt zu beweisen, dass ich nur auf dem Papier 40 werde. Es ist ein bisschen würdelos – ihr ahnt, wer jetzt ins Rampenlicht tritt: meine Praktikantin Kirsten. Sie ist jung. Und wenn ich in ihren Augen als jung durchgehe, wie kann ich da alt sein? Um bei Kirsten als gleichaltriger Kumpel-Vorgesetzter dazustehen, habe ich mir bei H&M T-Shirts gekauft, auf denen in Schreibschrift die Namen von amerikanischen Fantasie-Unis gedruckt sind. Hot Dog Club College Polo Team of Minnesota ist auf dem zu lesen, das ich gerade anhabe. Meine Freundin sagt, ich sähe aus wie jemand, der sein Begrüßungsgeld verprasst. Ich habe mir außerdem angewöhnt, Kirsten zur Begrüßung einen Hip-Hop-Händedruck aufzunötigen, der aus einem Handschlag und einem kumpeligen Schulterrempler besteht.

All das lief mittelgut – bis gestern. Kirsten hatte ihren letzten Tag. Auf die Frage, was sie als Nächstes vorhabe, sagte sie, dass sie im Herbst ihren Freund heiraten werde. Sie ziehen dann zusammen in eine Wohnung über ihren Eltern in der Nähe von Oldenburg. Es hatte nichts mit dem zu tun, was ich glaubte, über diese Generation zu wissen.

Meine Freundin sagt, es wäre vielleicht eine gute Idee, den Geburtstag in Paris zu verbringen. Ein langes Wochenende. Und wenn das Wetter gut ist, könne man ja immer noch verlängern. Wir buchen erst mal nur den Hinflug. 

Alle Infos rund um das Thema "40er Falle" hier: Midlife Crisis