Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Der Miracle Morning

York Pijahn beginnt seinen ersten „Miracle Morning" mit Schwung. | © Yvonne-Kuschel.de
York Pijahn beginnt seinen ersten „Miracle Morning" mit Schwung.
Foto: Yvonne-Kuschel.de

Um mehr zu schaffen, soll man morgens eine Stunde früher aufstehen, sagt ein Motivationscoach. Hat York Pijahn natürlich sofort ausprobiert.

Ich lese seit Jahren Ratgeber-Bücher. Heimlich. Ich schiebe sie immer tief unters Bett. Wenn meine Freundin die Bücher entdeckt, behaupte ich immer: „Nur Recherche.“ Ich habe schon Bücher gelesen übers Mannwerden, übers Reichwerden, übers Dünnwerden. Und eines über Sex in Langzeitbeziehungen, das sich als sensationell versauter Kamasutra-Schmöker mit spektakulär expliziten Biologiebuch-Bildern entpuppte. Ich liebe es vor allem, den Ratgeber-Psychotest auszufüllen. Besonders wenn ich dabei etwas schummle und mir der Ratgeber-Autor dann zujubelt, dass ich schon auf dem besten Weg bin, ein männlicher, reicher, dünner Sex-Akrobat zu werden. „Auf dem besten Weg“ – ich mag das Schulterklopfende in diesem Satz. Er nimmt den Druck, wirklich den Hintern hochzubekommen. Ich bin einfach tagsüber zu busy und abends zu platt.

"The Miracle Morning" von Hal Elrod

Doch das ist jetzt vorbei, seit ich „Miracle Morning“ gelesen habe. Dessen Autor Hal Elrod sagt, dass man morgens eine Stunde früher aufstehen soll, um dann anzupacken, was man sich immer schon vorgenommen hat: laufen gehen, meditieren, mehr lesen, unausgelebte Talente entdecken. Die Man-müsste-mal-Dinge vom unteren Ende der To-do-Liste abhaken. Hal Elrod nennt das „das Potenzial ausschöpfen“. Ich fühle mich zwar an den meisten Tagen eher erschöpft als unausgeschöpft, habe das aber dank Elrod als Charaktermacke erkannt. Der Wecker klingelt ab jetzt um fünf Uhr.

Ich habe eine ätherische Klangschalen-Musik als Handywecker-Klingelton gewählt, da ich morgens als Erstes in mich reinhören und dankbar sein soll, um dann für den Kreislauf ein paar Hampelmänner vorm Spiegel zu machen. Mein Spiegelbild erinnert mich – vielleicht liegt’s an den schlackernden Armen im Bademantel – an einen in Seenot geratenen Rentner. Mir ist ein bisschen übel, aber ich bin wach und bereit, mein Potenzial auszuschöpfen. Ist in mir vielleicht ein Künstler versteckt, der um 5.15 Uhr endlich sein Coming-out hat? Möglich isses. Ich male ein bisschen im Malbuch unseres Sohnes, ein schiefes Schiff, einen dicken Hund. Sieht alles beknackt aus – aber stopp, der Gedanke hat nicht die positive Yes, we can-Power des „Miracle Morning“, weshalb ich ihn sofort streiche und ein paar Strafhampelmänner mache. Right on.

Als Nächstes mache ich meine Steuerunterlagen fertig und putze Schuhe. Beides hatte ich eigentlich für heute Abend geplant. Aber da ich ja morgen wieder um fünf „Miracle Morning“ habe, muss ich um 21 Uhr ins Bett und habe dann also keine Zeit. Wobei ich gestehen muss, dass einen morgens niemand unterbricht. Laut Hal Elrod ist das Quality Time; ich hätte jetzt gesagt, dass es sich auch ein bisschen wie „einfach saufrüh aufstehen und arbeiten“ anfühlt, aber das ist der schiefe Blick des „Miracle Morning“-Anfängers, sorry, my mistake.

Um 6.05 Uhr kommt meine Freundin in die Küche. „Na, auch schon wach?“, sage ich mit der herausfordernden Überlegenheit des Frühaufstehers, der allen anderen unter die Nase reiben muss, was für Lappen sie sind. „Ich habe schon die Steuer gemacht und Schuhe geputzt und Sport gemacht“ – wäre ich ein Hund, würde ich jetzt mit dem Schwanz wedeln. „Was du nicht sagst.“ Sie steckt Brot in den Toaster. „Einfach mal weniger machen und normal lang schlafen wäre aber auch ’ne Idee, oder?“ Für den Satz würde Hal Elrod meine Freundin drei Runden um den Sportplatz peitschen, aber was soll’s? Am nächsten Tag habe ich wieder bis sieben geschlafen, abends hat meine Freundin auf dem Rückweg von der Arbeit Pizza mitgebracht. Sommer vorm Balkon. Wir nennen das jetzt „Miracle Evening“.