Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Kassetten waren Liebesbriefe aus Klang

100 Zeilen Liebe: Mixtapes | © Eric Giriat
Foto: Eric Giriat

Den 80ern nachzutrauern ist nicht unbedingt originell. Aber wenn’s um die Mischkassette geht, wird sogar York Pijahn sentimental. "Aufnehmen" – das war noch harte Arbeit!

Auf meiner inneren Liste von Dingen, die mich bis zum Nasenbluten nerven, stehen Mitte-30-Jährige gerade ganz oben. Und zwar diejenigen, die sich vor Rührung blinzelnd nach den 80er-Jahren zurücksehnen. Ja, da gab es noch "Brauner Bär" und die Musik von "Ein Colt für alle Fälle". Ja, auch ich fand den Kalten Krieg übersichtlicher als den Gedanken, irgendwo in meiner Straße eröffne gerade der Al-Qaida-Ortsverein eine neue Filiale.

Das Problem an meiner Retro-Schelte ist bloß: Ich heule selbst den 80ern hinterher. Wegen eines Stücks Kunststoff mit Sichtfenster, diesem flachen Plastik-Rechteck, das leise klackert, wenn man es schüttelt. Wegen dir, Mixtape.

Mischkassette, Superstar, zwei Seiten, 90 Minuten, knapp 30 Lieder passten drauf, ja Lieder, Songs sagte damals nämlich noch keiner, es gab ja auch noch keine Dates, sondern Verabredungen, keine Handys, sondern nur bananengelbe Telefonzellen. Retro? Meinetwegen. Aber wie kalt und ausgebufft wirkt eine gebrannte CD gegen ein Mixtape! Das Unikat hier, die tausendfach Reproduzierbare da. Auf die Gefahr hin, jetzt zu klingen wie der "Werthers Echte"-Opa: Das Mixtape war einzigartig, denn es war das Ergebnis harter Arbeit, die strengen Regeln folgte. Niemals die gleiche Gruppe zweimal auf der gleichen Seite aufnehmen, das erste Lied muss ein Knaller sein, aber nicht schon das beste der Kassette. Die Hülle muss selbst gebastelt sein. Eine ganze Generation beherrschte es, die Liedtitel in ameisengroßen Buchstaben auf die Rückseite zu schreiben. Kann man Duran Duran auf einen Quadratzentimeter quetschen? Man kann.

Kassetten waren Liebesbriefe aus Klang. Dafür kniete man drei Stunden in Büßerstellung vor der Stereoanlage

Und innendrin? ABC, Pet Shop Boys, Housemartins, jede Kassette ein musikalisches Bekenntnis. Wer nicht für uns ist, ist dagegen. Madonna ja, Cyndi Lauper nein, Prince ja, Michael Jackson nein, Rolling Stones ja, Beatles nein. Nach dreimaligem Hören wusste man: Nach "Don’t You" kommt "Shout", es konnte nicht anders sein. Da Spulen mühsam war, kam immer gleich die ganze Seite aus den Boxen, ein D-Zug aus Musik. Ganz oder gar nicht. Gesamtkunstwerk statt Wunschkonzert.

Und erinnert ihr euch an die Geräusche? An das "Tschröpp!", wenn sich der Deckel des Kassettenrecorders schmatzend schließt. "Iiiiah-IIIh!", wenn der Recorder das Band vorspult. "Frab-Pup!", wenn der Zeigefinger die Pausentaste loslässt. "Record" und "Play" sind gedrückt: ein Rauschen aus den Boxen. Band läuft. Mixtapes waren und sind mehr als Tonträger, vor allem für die meisten Jungs, die jetzt Männer sind. Denn Kassetten waren Liebesbriefe aus Klang. 30 Lieder, die nur einen Zweck hatten. Um Mädchen, die jetzt Frauen sind, zu sagen: "Ich finde dich toll." Warum stammeln, wenn andere gut singen.

Und noch eine Botschaft steckte in den Tapes: "Wenn du mit mir zusammen bist, bekommst du den Typen mit der geilsten Plattensammlung ab." Dafür kniete man in Büßerstellung vor der Stereoanlage, drei Stunden lang. Dann die Katastrophe: Wenn man schließlich merkte, dass man an die "Mono-Taste" gekommen war oder dass der Recorder das Band mit einem schrillen Schredder-Geräusch auffraß. Mangia cassette, Kassettenfresser – so heißen Recorder noch immer in Italien.

Mixtape, Antidepressivum aus Plastik. Was gibt es Besseres, als sich selbst, frisch verlassen oder einfach nur niedergeschlagen, eine Kassette aufzunehmen. Einen Soundtrack fürs eigene Leben. Don’t you? Shout! Brauner Bär, dein Karamellkern wird überschätzt, bleib in deiner Kühltruhe. Mixtape, bleib bei mir, ich nehm dich auf. Record.

Und auch die "100 Zeilen Liebe"-Kolumnen "Digitale Botoxspritze", "Junge Chefs" und "Miracle Morning" solltet ihr nicht verpassen!