Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Nachbarn, die Sex haben

Nachbarn, die Sex haben.  | © Yvonne Kuschel
Der vielbumsende Hobbit
Foto: Yvonne Kuschel

Wenn man als Mann den Nachbarn beim Sex zuhören muss, nervt das gewaltig. York Pijahn rüstet zum Gegenangriff. Liebe Hamburger, legt schon mal Ohropax bereit.

Ich liege in meinem Bett, während der Regen an das Schlafzimmerfenster nieselt. "Uh! Och!" Was ich da gerade höre? Meinen Nachbarn aus dem dritten Stock und seine neue Freundin. Die beiden haben Sex. Wobei ich dafür ein anderes, weniger biobuchhaftes Wort im Kopf habe: Sie bumsen. Aber nicht irgendwie. Sie bumsen wie zwei von einem nordkoreanischen Wissenschaftler mit Viagra und Kokain gedopte und in einen Bastkorb eingesperrte Nagetiere. Wie eine verliebte und in ewiger Pubertät gefangene Horde Bonobo-Affen. Seit zwei Wochen geht das so. Jede Nacht. Und da meine Freundin in Berlin lebt, liege ich meist allein im Bett. Und höre zu. Rund 140-mal pro Jahr haben Paare in Deutschland angeblich Sex. Meine Nachbarn wollen ihre Quote bis Jahresmitte erfüllt haben.

"Dein Nachbar und seine neue Freundin sind in der Vielbums-Phase", sagt meine Kumpelfreundin Silke. "So beginnt jede gute Beziehung, gönn es ihnen einfach." Silke ist auf eine grauenhaft buddhistische, waldorflehrerhafte Art großzügig. Ich bin da anders.

"Sex, den man nicht selbst hat, klingt immer mies und trivial"

Am liebsten treiben es mein Nachbar und seine Freundin um zwanzig nach elf. Und so hört es sich an: Die Freundin meines Nachbarn schnauft. Auf eine gelangweilte Art. Ihr "Och!" klingt wie der erste Teil von "Och, ich glaube, ich mach morgen mal den Backofen sauber". Mein Nachbar hört sich an wie ein alter Mann, der sich unter Schmerzen bückt, um seine Klettverschluss-Schuhe zuzumachen. "Uh, ist das schwer, wenn die Knie nicht mehr so mitmachen." Es klingt mies und trivial. So wie Sex, den man nicht selbst hat, immer mies und trivial klingt – und Männer wütend macht. Weil man weiß, dass man die Seiten gewechselt hat. Eben war man noch Bundesliga-Profi auf dem Feld, jetzt hört man das Spiel im Radio, man ist abgemeldet. Eben noch habe ich mit meinem eigenen dezibelstarken Liebesleben den Wohnblock tyrannisiert. Wenn ich Sex habe, geht in Hamburg das Licht rhythmisch an und aus. Kleinkinder fangen an zu weinen, weil sie denken, ein Riese poltert durch die Norddeutsche Tiefebene (leicht hochtourige Selbstüberschätzung gehört für uns Männer beim Sex dazu). Jetzt liege ich im Bett und höre meinem Nachbarn zu. Uh! Och! So ein Dreck.

Wenn ich andere beim Sex höre, muss ich auch an Sex denken, ob ich will oder nicht. So, wie wenn man Leute sieht, die Kuchen essen, man eben auch an Kuchen denkt. Dass mein Nachbar, der aussieht wie ein Hobbit mit einem Faible für Fahrradhelme und Campingklamotten, mich zum Nachdenken über Sex zwingt, hat was Niederschmetterndes. Da ich von all den Ochs und Uhs nicht schlafen kann, habe ich im Internet recherchiert. Im Jahr 2006 verklagte ein Mieter ein Nachbarpaar, weil es lauten Sex hatte. Und bekam vom Amtsgericht Rendsburg recht. Das Paar muss jetzt still sein. Sonst blühen, kein Witz, 255 000 Euro Strafe oder sechs Monate Gefängnis. Ich stelle mir vor, wie der Kläger im Bett lag, ein "Harry Potter"-Buch zu lesen versuchte, oder die Wollmäuse unter seinem Bett zählte und dabei seine Nachbarn hörte, jede Nacht. Ich  stelle mir vor, wie er voller Sex im Kopf und Wut im Herzen seinen Anwalt anrief.

Der Regen klatscht gegen meine Schlafzimmerscheibe. Ich werde nicht so tief sinken, den Fahrradhelm tragenden Hobbit zu verklagen. Ich werde warten, bis meine Freundin am Wochenende kommt. Und jeder in Hamburg wird wissen, welches Wochenende das ist. Das Licht im Stadtgebiet wird rhythmisch an und aus gehen, Kinder werden anfangen zu weinen. Und mein Nachbar wird vor Neid in seinen Fahrradhelm beißen. Uh!

Und auch die "100 Zeilen Liebe"-Kolumne "Mixtapes", "Mit Mama nach Rom", "Hütte statt Hotel", "Eine Woche ohne Handy" und "Offene Beziehung" solltet ihr nicht verpassen!

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