Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Süchtig nach Serien

York Pijahn sitzt  zurzeit vor "Falcon Crest" und "Dallas". | © Yvonne Kuschel
York Pijahn sitzt zurzeit vor "Falcon Crest" und "Dallas".
Foto: Yvonne Kuschel

Wer mittwochmorgens um vier krachwach auf dem Sofa liegt, muss süchtig sein: nach TV-Serien auf DVD. Zurzeit sitzt York Pijahn vor "Falcon Crest" und "Dallas"

"Nackt zerhackt" stand auf dem Schutzumschlag der DVD, die sich Louis hinterm Tresen seines DVD-Verleihs ansah. Der Bildschirm war von mir abgewandt, ich konnte die Szenen nicht erkennen, nur ein Flackern auf Louis’ Brillengläsern. Au Backe. Niemand will einen Freund, der Sätze sagt wie: "Gestern habe ich mein Fahrrad geflickt und nebenher ein bisschen "Nackt zerhackt" gesehen." So jemand gehört in eine Psychogruppe, am besten angeleint.

Doch seit einem Jahr ist alles anders – und Louis mein Ratgeber, Versorger mit Glück in kleinen, silbernen Scheiben, mein Dealer. Louis betreibt den DVD-Verleih um die Ecke und sieht aus wie etwas, mit dem der Hund zu lange gespielt hat. Seit einem Jahr bin ich sein bester Kunde und betrete den Laden wie damals Harald Juhnke einen Weinkeller. Was habe ich eigentlich vor Lost gemacht? Vor The West Wing, bevor 24-Agent Jack Bauer in mein Leben trat, um es mit Adrenalin und entschärften Atombomben zu fluten. Was war ich ohne Dr. House?

Serien auf DVD und normales Fernsehen verhalten sich zueinander wie tödlich starker Espresso zu Kamillentee aus dem Inneren einer Wärmflasche. Eine DVD-Box ist wie ein Kühlschrank, gefüllt mit dem Lieblings-Vanillejoghurt, dem im Glas, dem mit den schwarzen Pünktchen. Bloß dass der Kühlschrank so groß ist wie ein Airbus-Hangar. Statt jeden Tag ein paar Löffel bekommt man alles auf einmal. Es ist grauenhaft; es ist herrlich.

Man könnte es Freiheit nennen, wenn man nicht zugeben müsste, seit neun Wochen nicht mehr beim Sport gewesen zu sein und die letzte Party um kurz nach zehn verlassen zu haben, um zu Hause "Play all" zu drücken.

Louis ist mein Dealer. Er betreibt den DVD-Verleih um die Ecke und sieht aus wie etwas, mit dem der Hund zu lange gespielt hat.

Nach einer 45-Minuten-Folge 24 sage ich mir, eine geht noch, dann noch eine, plötzlich ist es 4 Uhr 20. Im Spiegel schaut mich ein Gesicht an, das übermüdet und glücklich grinst. Jetzt schnell Zähne putzen. Und dann noch eine Folge. Jack Bauer braucht keinen Schlaf.

Eine ganze Staffel 24 dauert so lange wie elf Spielfilme. Für die erste brauchte ich drei Tage, die zweite habe ich gleich danach ausgeliehen. Louis nennt das "angefixt bis zur Kündigungsgrenze". Kein Wunder, vor allem die letzten Folgen einer Staffel enden auf einem derartigen Spannungshöhepunkt, dass ich ein Stück Sofalehne abreiße. Und dann zu Louis radle.

Nachdem ich sämtliche Folgen von The Shield, Monk, Friends, Two and a Half Men gesehen habe, bin ich, so Louis, in die "Scheißegalphase" eingetreten (sorry, Fans von "Nackt zerhackt" sind eben keine Schöngeister). Ich spreche lieber von meiner Retro-Phase. Ich gucke alles, was ich kriegen kann, am liebsten Serien aus den Achtzigern: Dallas, Magnum, Falcon Crest. Louis sagte, er könne mir auch alte Folgen  von "Ich heirate eine Familie" besorgen. Ich denke ernsthaft darüber nach.

Als ich vor kurzem bei Louis vorbeiging, um die erste Staffel von Frasier zurückzubringen, legte er mir eine Meldung der Universität von Pennsylvania hin, die er aus einer Zeitschrift ausgerissen hatte. Ihr zufolge nimmt das Unterbewusstsein die Charaktere, die man in Serien regelmäßig sieht, ab einem bestimmten Punkt – kein Witz – als echte Freunde wahr. Jack Bauer, Carrie Bradshaw oder CSI-Sprengstoffexperte Horatio Caine, mein Freundeskreis wächst jeden Tag, und ich liebe sie alle. Und wenn ich mal wieder quatschen will? Dann gibt es immer noch Louis.

 

Und auch die "100 Zeilen Liebe"-Kolumnen "Halbe Sachen", "Hütte statt Hotel", "Der Serienklugscheißer" und "Mixtapes" solltet ihr nicht verpassen!