Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Weniger Meetings, mehr Marmelade!

Kolumne: Weniger Meetings, mehr Marmelade! | © Yvonne Kuschel
Foto: Yvonne Kuschel

Warum unser Kolumnist York Pijahn plötzlich auf hausgemachtes Quittenbrot steht!

Ich schiebe das noch warme Einmachglas mit einem klickenden Geräusch in die letzte Regalreihe unserer Speisekammer. "Jetzt haben wir genug Apfelmus für ...", sagt sie. Dann brüllt ihr Pürierstab los und schreddert den Rest des Satzes. Meine Freundin macht gerade Fliederbeerensirup. Oder Quittenbrot. Oder Chutney aus einer Pflanze, die ich vor ein paar Monaten lässig als "Gebüsch" bezeichnet hätte. Aber da hatte ich ja auch noch keine Ahnung.

Wir hatten mal eine Speisekammer, in der Nutella, Nudeln, Chipstüten, Dosentomaten und Weinflaschen lagerten. Jetzt haben wir eine Speisekammer voller Einmachgläser. Wie in einem 50er-Jahre-Heimatfilm, in dem Liselotte Pulver die Mutti von acht hungrigen Lederhosenkindern spielt. "Jetzt haben wir genug Apfelmus für den Winter", sagt meine Freundin. Als hätten wir letzten Dezember ausgemergelt vorm leeren Regal gestanden.

Wir stellen seit Anfang des Jahres unsere eigenen Lebensmittel her - wie alle Kleinfamilien um uns herum. Denn wir haben seit Anfang des Jahres einen winzigen Garten plus Ferienhäuschen in der Vorstadt - wie alle Kleinfamilien um uns herum. Geplant war der Garten als Faulenzer-Versteck, in dem man an sonnigen Herbstwochenenden im Liegestuhl bei stumm geschaltetem Handy dahingammelt. Ich wollte ein Ferienhaus; bekommen habe ich eine Quittenbrot-Fabrik.

Der Wochenend-Selbstversorger will seinem sinnfreien Laptop-Bürojob etwas mit kerniger Substanz entgegensetzen. Weniger Meetings, mehr Marmelade. Er ist der Sinnsucher an der Gelierzuckertüte. Er wünscht sich an einen Ort ohne Leistungsdruck, wo er mit dicken Holzlöffeln in blubbernden Sachen rühren darf. Klingt entspannt. Ist es aber nicht. Denn der Selbstversorger bleibt im Kern ein eitler Bürojob-Heini, der nicht nur viel Holundersirup will. Sondern auch viel Lob für seinen Holundersirup. Wir machen permanent Handyfotos von unserem selbst gemachten Kram. Und stellen sie auf Facebook. Für den Satz "Die Marmelade muss nicht nur schmecken, sie muss auch gelikt werden" habe ich von meiner Freundin einen zornigen Blick bekommen. Aber tief drinnen weiß sie, dass ich recht habe.

Und wie schmeckt nun das ganze Zeug, das wir herstellen? Grauenvoll. Ich möchte ganz explizit vor Brunnenkresse-Pesto warnen. Es schmeckt, als löffle man einen soeben abgeschalteten Rasenmäher aus. Selbstversorger wie wir lassen solche Details aber nicht an sich heran. Das ist Teil der robusten und landlebenhaften Gesamthaltung. Es ist Teil des stillen Einverständnisses zwischen meiner Freundin und mir, dass bitter schmeckende Dinge aus unserem Sortiment mit dem Satz "Super - und nicht so schrecklich süß wie der Kram aus dem Supermarkt" zu loben sind (auch wenn ich in den vergangenen Jahren nix gegen süß und Supermarktkram hatte). Alles leicht Angebrannte bekommt mit den Worten "Mmmm! Röstaromen!" den Ritterschlag. Unser vierjähriger Sohn spuckt das meiste, was wir herstellen, aus, aber das ist sicher nur eine Phase.

Um den anderen Selbstversorger-Paaren zu zeigen, wo der Hammer hängt (und weil wir all das Zeug einfach nicht allein essen können), verschenken wir eine Menge unserer Ernte. Für dreimal Brunnenkresse-Pesto haben wir zweimal selbst gemachten Honig bekommen. Eine blässliche Flüssigkeit, in sehr schönen Oma-Style-Einweckgläsern. Um nicht unhöflich zu sein, haben wir den Honig sofort probiert. Wässrig, nach hinten raus klebrig, mit überfallartiger Bienenwachsnote. Ich habe meine Freundin angeblickt, die immer weiß, was zu sagen ist. "Super - und nicht so schrecklich süß wie der Kram aus dem Supermarkt!" 

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