Mobiles Arbeiten

Home Office: Experten-Interview zum Arbeiten von Zuhause

Frau arbeitet im Home Office  | © iStock | petrunjela
Mitarbeitende erleben mobiles Arbeiten häufig als motivierend und unterstützend.
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Der Digitalisierung sei Dank gehört für viele Berufstätige Arbeiten im Home Office bereits zum Alltag, viele Arbeitgeber sehen es allerdings nach wie vor nicht gerne, wenn ihre Angestellten von zu Hause aus arbeiten. Die fehlende Kontrolle und damit einhergehende Sorge, dass die Produktivität sinken könnte, sind oft ausschlaggebend, dass den Mitarbeitern kein flexibleres Arbeiten ermöglicht wird. Dabei kann bei richtiger Organisation das Arbeiten im Home Office für alle Seiten eine große Bereicherung sein - wir haben mit einer Expertin über das wichtige Thema gesprochen. 

Experten-Interview mit Anke von Platen

Anke von Platen ist Leadership-Expertin, Beraterin und dreifache Buchautorin. Sie unterstützt Menschen in Organisationen, sich selbst kraftvoll zu führen und Veränderungen erfolgreich umzusetzen. Auf ihrem Blog (www.ankevonplaten.de) gibt sie wöchentlich pragmatische Impulse. Im exklusiven Interview mit myself verrät sie, wie das Arbeiten im Home Office Vorteile für Arbeitgeber und Arbeitnehmer bringt, was bei der Organisation beachtet werden sollte und wo eventuell Probleme auftreten könnten!

 

Mobiles Arbeiten ist ein aktuell stark diskutiertes Thema und in anderen Ländern bereits Gang und Gäbe – warum tun sich hierzulande so viele Arbeitgeber noch schwer damit bzw. ermöglichen ihren Mitarbeitern kein freieres Einteilen der Arbeitszeit?

Es sind vor allen Dingen zwei ganz verschiedene Aspekte, die eine Rolle spielen. Zum einen herrscht in den Unternehmen oftmals eine Präsenz- und Kontrollkultur. Es fehlt an Vertrauen, dass die Mitarbeitenden produktiv arbeiten, wenn sie nicht präsent bzw. vor Ort im Büro sind. Zum anderen hemmen rechtliche und organisatorische Faktoren. Gerade bei größeren Organisationen müssen arbeitsrechtliche Bestimmungen und interne Betriebsvereinbarungen überprüft und neu verhandelt werden. Die Frage nach Ruhezeiten zwischen Arbeitsende und erneutem Arbeitsbeginn oder wie mit Überstunden umgegangen wird, sind nur zwei Aspekte dazu. Und natürlich müssen die technischen Voraussetzungen ebenfalls stimmen.

 

Was sind ihrer Meinung nach die Vorteile von Arbeiten im Home Office?

Die Fahrtzeiten zum Büro werden unkomplizierter. Wer in den Großstädten morgens um 9 Uhr im Büro sein muss, steht im Stau. Hier wäre es doch sinnvoller, die ersten Stunden im Home Office zu bleiben und dann ohne Stau, antizyklisch, am späten Vormittag oder Mittag ins Büro zu fahren. Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Ich werde vermutlich weniger abgelenkt und kann schneller zum Beispiel ein Angebot oder eine Präsentation erstellen. Viele Mitarbeitende und Führungskräfte sehnen sich regelrecht nach einem Zeitfenster, in dem sie einmal in Ruhe arbeiten können. Außerdem berücksichtigt mobiles Arbeiten individuelle Bedürfnisse. Für Eltern von kleinen Kindern ist es beispielsweise entspannter, sich tagsüber um die Kinder zu kümmern und abends zu arbeiten. Das macht für viele Teilzeitkräfte mehr Sinn, als sich in ein vorgegebenes Zeitfenster anzupassen.

 

Gibt es auch Nachteile bei der Arbeit von Zuhause?

Ja, definitiv. So schön es ist, in Ruhe zu arbeiten, hat es die Kehrseite, dass wir im Home Office nicht so viel „mitbekommen“ und uns weniger eingebunden fühlen. Menschen sind soziale Wesen. Wir benötigen den Austausch mit anderen und ein Gefühl von Zugehörigkeit. Wer viel mobil bzw. im Home Office arbeitet und nicht so oft vor Ort im Büro ist, kann sich ausgegrenzter fühlen. Und: Ein Büro als fester Arbeitsplatz bietet Struktur. Das gilt sowohl räumlich als auch mental. Fehlt diese Struktur bzw. Grenze, kann mobiles Arbeiten dazu verleiten, immer und überall zu arbeiten.

 Leadership-Expertin Anke von Platen | © Anke von Platen
„Kraftvoll führen. Erfolgreich verändern.“ – das ist das Motto von Leadership-Expertin Anke von Platen.
Foto: Anke von Platen

Welche Voraussetzungen müssten ihrer Meinung nach gegeben sein, um “effektives mobiles Arbeiten” zu ermöglichen?

Neben den technischen Voraussetzungen benötigt es vor allen Dingen klare Vereinbarungen, um der oben skizzierten Ent-Grenzung entgegenzuwirken. Dazu zählen zum Beispiel konkrete Verabredungen zu Erreichbarkeiten und Abstimmungen, zu welchen Meetings der mobile Arbeiter auf jeden Fall dazu kommen sollte. Es sollte außerdem deutlich dargestellt werden, welche Informationen von wem wie geliefert bzw. eingefordert werden. Das schafft nicht nur Transparenz und Struktur sondern unterstützt auch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.

 

Was sind ihre Erfahrungen in Bezug auf Arbeiten im Home Office und die Motivation?

Mitarbeitende erleben mobiles, flexibles Arbeiten als motivierend und unterstützend, weil sie ihre Arbeitszeit sinnvoll einsetzen und in Ruhe etwas finalisieren können. Oder weil sich dadurch ihr Privatleben entspannen kann, zum Beispiel bei Fernbeziehungen oder wenn das Kind einmal krank ist. Führungskräfte oder Kollegen sind zum Teil jedoch auch skeptisch. Haben sie das Gefühl, dass Home Office „drauf steht“, tatsächlich aber Freizeit „drin ist“, wird ihr Vertrauen missbraucht und sie sind enttäuscht. Umso wichtiger sind klare Vereinbarungen und Mitverantwortung aller Beteiligten. Nicht nur die Organisation oder die einzelne Führungskraft geben Vertrauen. Jeder mobil Arbeitende ist mitverantwortlich für ein vertrauenswürdiges Verhältnis.

 

Psychische Leiden, Burnout und andere Erschöpfungserscheinungen nehmen in unserer Leistungsgesellschaft immer mehr zu – wo sehen sie die Lösung?

Wir sollten mehr nachdenken: Über unsere körperlichen und psychischen Grenzen, unsere Bedürfnisse und darüber, was wirklich unsere Ziele und Ansprüche sind. Heutzutage werden wir mehr denn je verleitet, über unsere Grenzen zu gehen. Unser Körper und unser Kopf benötigen einen Rhythmus zwischen Arbeiten und Entspannen. Dagegen unterlaufen die Möglichkeiten zum mobilen Arbeiten und die Informationshysterie aus den Medien diesen Takt. Darüber hinaus empfehle ich, dass wir uns „echten“ Beziehungen wieder mehr zuwenden. Uns unseren Mitmenschen öffnen und mitteilen, wie es uns wirklich geht – statt pauschal immer „Alles gut“ zu sagen. Ich appelliere, mal wieder wirklich „off“ zu sein. Das Smartphone ausschalten oder weit weg legen, nachdenken, mit jemandem sprechen. Und übergeordnet benötigt es ein Umdenken in den Führungsetagen der Organisationen: Weg von den übertriebenen Zielen, hin zum menschlichen Wirtschaften. Denn was nützt das Erreichen eines hohen Ziels, wenn der Preis kranke und ausgebrannte Mitarbeitende sind?

 

Was glauben sie, wie wir in zehn oder 20 Jahren arbeiten werden?

Wir werden noch vernetzter und mobiler sein. Gleichzeitig hoffe ich auf ein nachhaltigeres Arbeiten, dass wir im Sinne der Natur bewusster mit Rohstoffen umgehen und menschlicher zusammenarbeiten. Ich wünsche mir, dass wir uns mehr öffnen, konstruktiv auch mal Nein sagen und Ziele hinterfragen. Zu dieser Offenheit gehört auch, Fehler und Schwächen zuzugeben anstatt mit einer Maske herumzulaufen.

 

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