Leben

Tausche Karriere gegen Kind

Frau mit Baby am PC | © iStock / pixdeluxe
Kind und Karriere - ein heiß diskutiertes Thema
Foto: iStock / pixdeluxe

Kind oder Karriere? Oder beides? Man kann nicht alles haben, glaubt Ina Küper-Reinermann. Sie hat eine unpopuläre Entscheidung getroffen.

Für die Elternzeit Karriere aufs Spiel setzen? 

Was mir entgeht, weiß ich: ein schickes Büro mit großer Fenster­front und teurer Schreibtischlampe, Redaktionskonferenzen mit schlauen Kolleginnen, Pressereisen nach Paris, Kopenhagen oder Miami, Küsschen links, Küsschen rechts, die besten Hotels, die teuersten Events, die spannendsten Geschichten. Stattdessen habe ich gerade einen Auflauf im Ofen und für diesen Text nur genau so viel Zeit, bis meine Tochter aufwacht und der Wäschetrock­ner seine letzten Runden gedreht hat. Ja, das muss man erst mal sacken lassen.

Ich gehöre zu jenen jungen Müttern, die mal einen Traumjob und gute Karten für eine Karriere hatten – und trotzdem lieber zwei unverfrorene Jahre mit ihrem Kind verbringen. Vielleicht werden da­raus sogar drei. Und vielleicht setze ich dabei meine Position aufs Spiel. Schlau ist das womöglich nicht. Emanzipiert?

Kommt wahrscheinlich darauf an, wie man Emanzipation definiert.

Die Entscheidung, mein Recht auf Elternzeit auszuschöpfen, war nie durch­dacht, immer nur durchfühlt. Als meine Tochter zur Welt kam, liebte ich einen Menschen plötzlich mehr als mich, mehr als alles, was mir jemals wichtig war. Mein Plan, ein bisschen Mutter und ein bisschen Karrierefrau zu sein, ging über Bord. Nie wollte ich etwas bedingungs­loser, als Mama zu sein.

Ich wollte Zeit – Zeit, die unbe­zahlbar und unwiderbringlich ist. 

Ich könnte an dieser Stelle wissenschaft­lich werden, Studien und Pädagogen zitieren, die die frühe Mutter-­Kind-­Bin­dung hochhalten. Aber es geht auch ein­facher: Ich wollte Zeit – Zeit, die unbe­zahlbar und unwiderbringlich ist. "Wer morgen in den Erinnerungen seiner Kin­der auftauchen will, muss heute ein Teil ihres Lebens sein", sagt die amerikanische Schriftstellerin Barbara Johnson. Als Mutter entwickelt man ein anderes Ge­spür für Vergänglichkeit. Das erste Lä­cheln, der erste Zahn, die ersten Wörter und Schritte – ein Wimpernschlag. Fleiß­sternchen kann ich für den Rest meines Lebens sammeln, diese wichtigen Erfahrungen mit meinem Kind leider nicht.

Back to business? Oder Vollzeitmama?

Natürlich hinterfrage ich meinen Sta­tus quo. Wie alle Mütter habe ich erlebt, dass ein Baby erst mal den Totalverlust von Freiheit bedeutet. Die Zeiten, in de­nen ich schlief, wenn sie schlief, still saß, wenn sie Hunger hatte, und duschte, wenn ihre Laune es zuließ, sind vorbei. Aber noch immer gibt meine Tochter den Takt vor. An guten Tagen kann ich mich darauf einlassen, an schlechten macht es mich verrückt. Wenn sie krank ist, nachts alle zwei Stunden aufwacht, tags­über nur getragen werden will und ich einhändig und hundemüde putze, wa­sche, koche, wird mir dieses Leben gleich­zeitig zu viel und zu wenig. An solchen Tagen habe ich das Gefühl zu verblas­sen. Und Angst, irgendwann unsichtbar zu werden. Wie oft habe ich in den letz­ten 15 Monaten mein altes Leben leise vermisst.

Back to business? Wenn es so einfach wäre. Meine Tochter ist mit eineinhalb zu jung für den Kita­-Alltag, finde ich. Davon abgesehen fehlt mir für dieses Erziehungsmodell die nötige Einstel­lung. In 30 Jahren ohne Kind habe ich mich daran gewöhnt, Dinge perfekt machen zu können: "Alles geht! Auch gleichzeitig!" Die Glücksformel meiner Generation mag sich für manche Frau bewahrheiten. Mir dämmert, dass ich an diesem Anspruch zugrunde gehen wür­de. Nachwuchs bedeutet Chaos. Wer beides will – kleine Kinder und Job –, muss gnädig mit sich sein. Braucht Mut zur Lücke und Courage zur Blamage.

Es gibt Frauen, die die Kind-­Karriere­-Kür weitgehend fehlerfrei meistern. Aber machen wir uns nichts vor: Es ist ver­dammt schwer. Manchmal beneide ich Mütter mit super Jobs um die Abwechs­lung in ihrem Leben, um die Anerken­nung und einen Kontostand, der wahr­scheinlich weniger besorgniserregend ist als meiner. Um das schlechte Gewissen gegenüber Kind und Chef, von dem vie­le erzählen, beneide ich sie nicht. Zig Mütter gehen bei dem Anspruch, im Büro vollen Einsatz und zu Hause volle Aufmerksamkeit zu liefern, vor die Hun­de. Pardon, aber da bin ich raus. Feige? Ich nenne es familienfreundlich. 

Kind oder Job - Nicht jede Mutter hat die Wahl 

Bevor es wütende Leserbriefe hagelt: Mir ist klar, dass nicht jede Mutter die Wahl hat. Die Erziehung teile ich mir mit meinem Mann. Und ich kann es mir leis­ten, erst mal nur stundenweise im Home­ Office zu arbeiten. Und, ja, ich weiß, dass nicht jede Frau mit verständnisvollen Vorgesetzten gesegnet ist. Der Denkan­satz „Ich brauche meine Mitarbeiter, hier und jetzt“ ist nachvollziehbar, aber un­nachhaltig. Abgesehen davon, dass das Aufziehen von Kindern keine reine Pri­vatsache ist (woher sollen die Mitarbeiter von übermorgen denn kommen?), unter­schätzen Vorgesetzte die Macht der Lo­yalität. Es mag naiv klingen, aber wer das Gefühl hat, von seiner Firma geliebt zu werden, liebt auch die Firma.

Berufstätige Mütter sind oft am Limit

Zig Studien belegen: Berufstätige Mütter sind öfter am Limit als kinderlo­se Kolleginnen. Liegt das nicht vor allem daran, dass unsere Arbeitswelt einge­schränkt ist wie eh und je? Frauen (und Männer) mit Kindern müssten beim vierten aus Krippe oder Kindergarten heimgeschleppten Erkältungsinfekt in­nerhalb von zwei Monaten nicht ausfal­len, wenn sie von zu Hause aus oder in Gleitzeit arbeiten dürften. Aber so viel "Großzügigkeit" gilt bei uns als exotisch.

Überhaupt, Toleranz. Meine Tochter wird mit zwei Jahren 35 Stunden pro Woche in den Kindergarten gehen. Ich freue mich, dass ich dann wieder mehr arbeiten kann. In welcher Form ist noch nicht entschieden. Dass andere Frauen ihre Kinder betreuen lassen, darüber steht mir kein Urteil zu, selbst wenn sie es nur tun, um ihre Karrieren forsch vo­ranzutreiben. Im Leben geht es eben nicht darum, das einzig Richtige zu tun, sondern das individuell Passende.

Die Australierin Bronnie Ware hat lan­ge als Palliativkrankenschwester gearbei­tet und ihre Erfahrungen im Bestseller „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ aufgeschrieben. „Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit meinen Kindern verbracht" heißt keines der fünf Kapitel.

"Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben" schon. 

Vielleicht sollten wir uns öfter fragen, was sich gut anfühlt, statt vor allem auf das zu vertrauen, was gut aussieht. Und wenn das bedeutet, nicht alles erreichen zu können? Dann ist das am Ende auch emanzipiert. 

Weniger arbeiten, mehr leben: Ein Teilzeit-Ratgeber