„Meistens bin ich ziemlich direkt“

Aysel Osmanoglu: Vom Flüchtling zur Bank-Vorständin

Aysel Osmanoglu | © GLS Bank | Stephan Münnich
Wir haben Aysel Osmanoglu zum Interview getroffen.
Foto: GLS Bank | Stephan Münnich

Aysel Osmanoglu hat eine erstaunliche Karriere hingelegt. Wir haben sie zum Interview getroffen!

Die wichtigste Lektion Ihres Berufslebens?

Ich habe gelernt, dass es wichtig ist Dinge zu tun, mit denen man sich verbindet und hinter denen man selbst steht. Nur so kannst du überzeugen und für etwas einstehen. In der GLS Bank kann ich meinen Lebenssinn mit meinem Job verbinden und muss nicht versuchen mich ausschließlich am Wochenende zu verwirklichen. Wir sehen Geld als Gestaltungsmittel von Gesellschaft. Auch ich möchte Gesellschaft gestalten.

Die schwerste Entscheidung Ihrer Karriere?

Die schwierigste Entscheidung war ein Jahr nach der Geburt meiner Tochter. Ich musste mich entscheiden, ob ich das Genossenschaftliche Bank-Führungsseminar GBF belegen möchte, um mich als Vorstand der GLS Bank qualifizieren zu können. Die Ausbildung dauert zwei Jahre und ist mit vielen Reisen verbunden. Im Endeffekt habe ich mich dafür entschieden und habe Wege gefunden, meine Tochter mit auf die Reisen zunehmen.

Das müssen wir Frauen dringend lernen!

Ich finde nicht, dass wir Frauen dringend was lernen müssen, sondern es geht darum, Kultur und Strukturen zu schaffen, in welchen sowohl weibliche als auch männliche Eigenschaften anerkannt und geschätzt werden. Die zur Zeit vorherrschenden Rahmenbedingungen honorieren hauptsächlich männliche Eigenschaften, das muss ganzheitlicher werden.

An fiesen Arbeitstagen – was rettet Sie?

Mir hilft es sehr, mit meinen Mitmenschen vertrauensvolle Gespräche zu führen. Dies sind sowohl Freund*innen in der Bank als auch mein Mann. In ganz schwierigen Situationen stelle ich mir auch bewusst die Frage: was muss ich tun, um persönlich aus dieser Situation zu lernen und daran weiter zu wachsen. Aus dieser Art „Vogelperspektive“ sieht man sich in einem anderen Kontext.

Mittagspause – ja oder nein?

Manchmal ist es möglich, manchmal eher nicht.

Was ich allerdings immer sehr gerne mache: Wir haben in der Bank eine Mittagstombola, bei der jede*r der möchte, gezogen werden kann, um mit anderen zufällig gezogenen Kolleg*innen Mittagessen zu gehen. Dies sind für mich die schönsten Mittagspausen, weil ich Menschen kennenlerne, die ich ansonsten nur aus Besprechungen kenne. 

Welche Frage würden Sie Ihren Mitarbeitern gern mal stellen?

So eine Frage gibt es nicht. Meistens bin ich ziemlich direkt und frage nach, wenn mich was beschäftigt.

Können Mitarbeiter Freunde werden?

Natürlich! Wir arbeiten viele Stunden am Tag gemeinsam auf das gleiche Ziel hin. Da fällt es fast schwer keine Gleichgesinnten zu finden mit denen man nicht auch gerne Zeit in seiner Freizeit verbringt.

Kind, Karriere, erfüllte Beziehung – können wir wirklich alles haben?

Natürlich muss man Abstriche machen, die macht mein Mann, wenn er zuhause bleibt, aber auch. Wichtig ist es doch, dass es für alle möglich wird, Beruf und Kinder zu vereinen. Das heißt, wirklich zuverlässige Betreuungsangebote für Kinder, kein Karriereknick bei Teilzeitarbeit und an Männer der Aufruf, sich für weniger Erwerbsarbeit und mehr Kindererziehung zu entscheiden. Schließlich muss es Löhne geben, die es Eltern erlauben, sich Zeit für Ihre Kinder nehmen zu können. Und das alles in den bunten Konstellationen, die heute möglich sind.

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