Sie kriegt jeden klein

Marietta Slomka: die härteste Fragenstellerin der Republik

Marietta Slomka präsentiert ihren Deutschen Fernsehpreis. | © gettyimages | Andreas Rentz
Marietta Slomka als Gewinnerin des deutschen Fernsehpreises
Foto: gettyimages | Andreas Rentz

Kompromisslos in der Sache, charmant im Ton: So tickt die Moderatorin Marietta Slomka.

Die Frau, die 3,8 Millionen Menschen die Welt ins Wohnzimmer bringt, will erst mal in die Kantine. Marietta Slomka, seit 17 Jahren Moderatorin des „Heute-Journals“ im ZDF, ist nahbarer, als man aus der Ferne vermuten würde. Es ist Mittagszeit auf dem Mainzer Lerchenberg. Die 48-Jährige lächelt, ihr Blick ist offen und herzlich. Sie trägt Jeans und einen türkisfarbenen Pulli. Der lässige Eindruck passt nicht zu ihrem Image: Sie gilt als die härteste Interviewerin der Republik, im Januar bekam sie den Deutschen Fernsehpreis. Allüren? Sieht nicht so aus. Sie wirkt unprätentiös, unkompliziert.

Marietta Slomka: So ist sie aufgewachsen

Nach einem Teller Pasta in der Kantine setzt man sich noch auf eine Bank mit ihr, ein bisschen frische Luft schnappen. Marietta Slomka erzählt von ihrer Kindheit. Aufgewachsen in Köln, der Vater, ein Lehrer, stammt aus Masuren, die frankophile Mutter schickt sie auf ein deutsch-französisches Gymnasium. Die einzige Extravaganz. Ansonsten ist es eine typische Kindheit in der BRD der späten 70er-Jahre. Man spielt auf der Straße und geht nach Hause, wenn die Straßenlaternen angehen. Sie erzählt vom letzten Urlaub, von ihren Freundinnen, man erfährt, dass sie neuerdings Yoga macht und gerne für Freunde kocht. Was man nicht erfährt: ob sie liiert ist. Ja, stimmt, sie war einmal verheiratet, mit dem RTL-Journalisten Christof Lang. Mehr ist nicht zu holen. Deutschlands härteste Interviewerin hält sich an das Prinzip: „Alles, was jenseits des Büros passiert, ist Privatsache.“ Punkt.

Mit ihren Fragen enttarnt sich wolkige PR-Floskeln.

Ihre Gesprächspartner lässt sie nicht so einfach davonkommen. Ihre Spezialität: wolkige PR-Floskeln enttarnen, langatmiges Abschweifen unterbrechen. Die Liste der Politiker, die in Erklärungsnot gerieten, ist lang und prominent. Christian Lindner zum Beispiel. Als der FDP-Vorsitzende im „Heute-Journal“ dem Verdacht widerspricht, er habe den Abbruch der Sondierungsgespräche inszeniert – vielmehr habe sich die FDP nicht gegen die anderen Parteien durchsetzen können –, kontert Slomka trocken: „Dann haben Sie schlecht verhandelt.“ Oder Alexander Dobrindt. Marietta Slomka will vom CSU-Landesgruppenchef wissen, was er mit der „konservativen Revolution“, die es angeblich so dringend braucht, überhaupt meint. Er operiert mit Gefühl, sie liefert Fakten. Slomkas Stil ist nüchtern, schlagfertig, präzise und schnell. Aber niemals aggressiv, überheblich, verletzend. Dobrindts Dauerlächeln wirkt von Minute zu Minute gequälter.

Marietta Slomka arbeitet 70-80 Stunden in der Woche

Zeit, zurück ins Büro zu gehen. In einer Stunde beginnt die nächste Redaktionskonferenz. Sie arbeite 70, 80 Stunden in der Woche, wechselt sich wöchentlich mit Claus Kleber ab. Die freie Woche verbringt sie meistens in Berlin. Freihaben bedeutet aber nicht Urlaub, sondern Zeitung lesen, auf dem Laufenden bleiben, sich informieren. Und dann erlebt man doch noch eine kleine Überraschung, es öffnet sich die­ ser winzige Spalt, durch den man die private Marietta erahnen kann. Das Büro dieser so sortierten, akkuraten Frau wirkt ziemlich chaotisch. Seit 2001 ist hier einiges zusammengekommen. An den Wänden hängen Unterwasserfotos vom Tauchen, Erinnerungen an Auslandsreportagen, Zeitungsausschnitte, auf dem Schreibtisch stapeln sich zwischen Keksen und Papierbergen umfangreiche Dossiers, in die sie sich zur Vorbereitung einliest. Slomka bemerkt den Blick und sagt: „Sieht ein bisschen nach Messie aus, ich müsste mal wieder aufräumen. Aber ich weiß ganz genau, wo was ist.“

Im Büro ist Chaos - "aber ich weiß genau, wo was ist."

Genau das ist wohl ihr Geheimnis. Im Chaos behält Marietta Slomka den Überblick, sie kann im Handumdrehen Ruhe und Struktur in die Dinge bringen. In unübersichtlichen Situationen, wenn sich die Nachrichten überschlagen, läuft sie zur Höchstform auf. Etwa in jener Sendung, in der es um den Anschlag in Nizza gehen sollte und dann der Putschversuch in der Türkei publik wurde. „Das sind Momente, in denen jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird, ich aber gar nicht die Zeit habe, jede Formulierung abzuwägen.“ Da helfe Erfahrung, sagt sie, „durch Erfahrung gewinnt man Ruhe“, und durch die Ruhe bleibe sie konzentriert. Und tatsächlich sieht man sie nie straucheln, den Faden oder die Fassung verlieren. Es gibt Menschen, denen dieses Maß an kühler Präzision suspekt ist. Perfektion ist nicht unbe­dingt ein Sympathieträger.

 

Marietta Slomka führt ein Interview. | © gettyimages | Franziska Krug
Marietta Slomaka - Deutschlands taffeste Journalistin
Foto: gettyimages | Franziska Krug

Ihre Fans dagegen lieben ihren leicht spöttischen Ton, dieses feine ironische Lächeln, mit dem sie Interviews zu span­nenden Matches macht. Matches, bei denen sie oft die meisten Punkte holt – weil sie den Kern einer Sache besser trifft als andere. Diese Fähigkeit hat sie in Großbritannien gelernt, wo sie während ihres Volkswirtschaftsstudiums ein Jahr verbracht hat. Statt Formalien wie dem korrekten Setzen von Fußnoten wird dort Diskursfähigkeit trainiert: Gedanken zu einem bestimmten Thema entwickeln, daraus eine These formulieren, Gegenargumente entkräften und das Ganze sprachlich fein verpackt so vortragen, dass sich die anderen unterhalten fühlen.

Im Studium arbeitete Mariette Slom­ka für die Kölnische Rundschau, bei der Deutschen Welle war sie Korrespondentin in Brüssel und ab 1998 ZDF­-Korres­pondentin in Bonn und später Berlin, ab 2000 moderierte sie „Heute Nacht“. Sie fiel auf, besonders durch ihre sprachliche Präzision – und ZDF­-Chefredakteur Nikolaus Brender suchte einen Nachfol­ger für Alexander Niemetz beim „Heute­ Journal“. Er rief Slomka an. Sie zögerte, das gefiel ihm. Sie zweifelte, ob sie kom­plett vor die Kamera wechseln solle. Ob sie mit der Prominenz klarkommen wür­ de. Ein Kollege riet ihr zuzusagen. Wenn sie scheitern würde, könne sie ja wieder als Korrespondentin arbeiten. Würde sie absagen, wäre sie womöglich eine von denen, die mit 40 rumlaufen und erzäh­len, was sie alles hätten werden können. „Das hat mich überzeugt.“

Natürlich hat dieser Job in Zeiten von Hasstiraden in den sozialen Netzwerken unschöne Seiten. Wie sie damit umgeht? Marietta Slomka senkt ihren Husky­-Blick: „Ich möchte denjenigen, die Hass, Propaganda und Ordinäres verbreiten, keine Lebenszeit schenken. Sie bekom­men eh schon sehr viel Aufmerksam­keit.“ Man hat das Gefühl, je irrer die Welt wird, umso mehr sticht eine kri­tische, neutrale Instanz wie Marietta Slomka heraus. Die Linken werfen ihr Meinungsmache vor, die Rechten auch. Was letztlich zeigt, dass sie den Job rich­tig gut macht. Sie schaut auf die Uhr. Gleich beginnt die Konferenz.

 

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Text: Ulrike Simon