So wild, so schön und so viel Drama

Sergei Polunin: Der Bad Boy des Ballett

Ballett-Tänzer Sergei  | © Getty Images | Mike Pont
Der ukrainische Tänzer Sergei Polunin ist inzwischen auch Youtube-Star und Titelheld.
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Sergei Polunin ist der Bad Boy des Balletts. Sein Auftreten: unberechenbar, ehrgeizig. Die Weltkarriere könnte gelingen – wenn er es sich nicht mal wieder anders überlegt.

Ein Holzpavillon im Nirgendwo, draußen lockt saftiges Urwaldgrün. Ein junger Mann kauert auf dem Boden, sein Oberkörper ist von Tattoos gezeichnet, die Beine stecken in hauchdünnen Shorts. Er wälzt sich, scheint gegen etwas anzukämpfen, das ihn gefangen hält. In diesem Moment setzt Hoziers Hit „Take Me to Church“ ein, der Jüngling steht auf, dreht wilde Pirouetten. So was wie Knochen scheint dieser Mensch nicht zu haben, er krümmt und knäult seinen Gummikörper so halsbrecherisch wie virtuos. Einen Moment lang sieht es so aus, als sei der Sprung in die Freiheit geglückt. Doch am Ende kauert der gequälte Held wieder am Boden und sieht so grimmig aus der knapp bemessenen Wäsche, dass man sicher sein darf: Er wird ihn wieder und wieder aufnehmen, den Kampf seines Lebens. Gegen äußere Grenzen, gegen Unfreiheit, gegen die Zwänge der Zivilisation. Aber auch gegen seine eigenen Dämonen. Die engsten Gefängnisse, das erahnt der Jüngling wohl in diesem Moment, bauen wir Menschen uns schließlich selbst.

Sergei Polunin - der Tänzer aus dem Musikvideo "Take Me To Church"

Der Mann mit den Tattoos ist der ukrainische Tänzer Sergei Polunin. Über 23 Millionen Mal wurde das Video „Take Me to Church“ bisher bei YouTube angeklickt. Der 28-Jährige zeigt darin nicht nur sein sensationelles Können, sondern lässt den Betrachter auch in seine Seele blicken: Der von David LaChapelle auf Hawaii gedrehte Vier-Minuten-Clip zeigt die Angst und Entschlossenheit, die brennende Intensität, aber auch die Zerrissenheit seines Protagonisten. „‚Take Me to Church‘ sollte der letzte Tanz meines Lebens werden“, sagt Sergei Polunin. „Aber als der Dreh begann, wurde ich von meinen Gefühlen überschwemmt. Ich heulte neun Stunden lang. Es war ein emotional anstrengender Dreh. Am Ende überlegte ich, ob ich wirklich mit dem Tanzen aufhören sollte.“

Ausbrechen, alles hinwerfen und was ganz anderes machen, dieses Motiv zieht sich durch Polunins bisheriges Leben. Mit 19 war er umjubelter Erster Solotänzer des Londoner Royal Ballet und damit der jüngste Solist in der Geschichte des renommierten Hauses. Zwei Jahre später twitterte er: „Hat jemand Heroin im Angebot? Ich brauche ein bisschen Aufheiterung.“ Und stieg kurz darauf aus einem Job aus, für den andere Tänzer morden würden. Zuvor sicherte er sich jedoch mit markigen Sprüchen und seiner vielfach bekundeten Neigung zu wilden DrogenPartys einen Ruf als Bad Boy des Balletts. Von da an geriet er in die Schlagzeilen, wurde mal als James Dean, mal als Frank Sinatra des Ta Sein perfekter Körper ist sein Kapital, zugleich überzieht er ihn mit Tattoos und selbst geritzten Narben, die den Eindruck der Makellosigkeit empfindlich stören. Er brennt für klassisches, asketisch getanztes Ballett und gibt zugleich Sätze von sich wie: „Ich habe keine Lust mehr, mich zu schinden, und wäre am liebsten Filmstar, eine internationale Marke und natürlich Millionär.“ Er will als Rebell rüberkommen, als einer, der andere vor den Kopf stößt und genau das macht, was keiner von ihm erwartet. Er weiß selbstverständlich, dass die Öffentlichkeit solche Typen als lebende Projektionsflächen goutiert, weil sie all das zeigen, was Normalos sich nicht trauen.

„Ich konnte das Tempo nicht mehr halten und brauchte Kokain, um besser zu tanzen.“

Wer also ist Sergei Polunin wirklich? Gewiefter Selbstmarketing-Stratege, HardcoreRebell oder eine gequälte Künstlerseele? Was ist Attitüde, was Provokation, was reines Wunschdenken? „Ich bin mit amerikanischen Action-Movies groß geworden. ‚Rambo‘ und ‚Terminator‘ haben mich geprägt“, sagt er. Eine Welt, die Sehnsüchte weckt, steht sie doch in schmerzhaftem Kontrast zur Lebensrealität des kleinen Sergei. Er wächst mit seiner Mutter in einem ärmlichen Städtchen in der Ukraine auf; der Vater ist nach Portugal gezogen, um Arbeit zu finden. „Ich wollte Krimineller werden, um der Armut zu entkommen“, sagt Sergei, aber er macht genau das Gegenteil. Der Junge hat tänzerisches Talent, seine Mutter treibt ihn unerbittlich an, schickt ihn auf immer bessere Ballettschulen; sein Erfolg, so ihre Hoffnung, wird die Familie aus dem Elend reißen. Sergei verübelt seiner Mutter den Drill: „Sie hätte mich nicht so unter Druck setzen müssen. Das konnte ich selbst schon ziemlich gut.“ Mit 13 wird er an der Royal Ballet School in London aufgenommen, mit 20 ist er umjubelter Solotänzer. Dann der Absturz: „Ich konnte das Tempo nicht mehr halten und brauchte Kokain, um besser zu tanzen.“ Vielleicht hat er tatsächlich Drogen genommen, vielleicht aber auch nur viel darüber geredet, wie auch immer: 2012 wirft er alles hin.

„Diese körperliche Schwerstarbeit und der ständige Druck, perfekt sein zu müssen – das macht dich irgendwann verrückt.“

Er taucht im Londoner Nachtleben unter und wird aufgefangen. Von Igor Zelensky, Direktor des Bayerischen Staatsballetts und Ballettchef am Moskauer Stanislawski-Theater, er wird zu seinem Mentor. Seitdem tanzt Polunin mal in München, mal in Moskau oder auf anderen großen Bühnen der Welt. Aber er will so was wie ein tanzender Werbeund Filmstar werden, am liebsten in Hollywood. „Sportler und Filmstars verdienen mehr als Tänzer. Noch nicht mal die Größten unter ihnen können sich eine anständige Wohnung leisten.“

Sergei Polunin ist Youtube-Star und Titelheld

Die ersten Schritte sind getan. Polunin ist nicht nur YouTube-Star, sondern auch Titelheld in Steven Cantors Dokumentarfilm „Dancer“ (2016). Zudem verkörperte er in Kenneth Branaghs Neuverfilmung von Agatha Christies „Mord im Orient-Express“ (2017) den Grafen Andrenyi an der Seite von Johnny Depp, Penélope Cruz und Michelle Pfeiffer. Spätestens an dieser Stelle fragt man sich, ob so ein umtriebiger Allround-Star überhaupt Energie für eine Beziehung hat. Nun weiß man, dass das öffentliche Bild, das manche Prominente von ihrem Liebesleben zeichnen, wenig mit der Realität zu tun hat. Die einen sind schwul, sexsüchtig oder SM-Fans, verbergen ihre wahren Leidenschaften aber hinter einer arrangierten Ehe. Andere wiederum leben völlig monogam, markieren aber den umtriebigen big spender.

Sergei Polunins Halt - seine Freundin Star-Ballerina Natalia Osipova

Sergei Polunin ist mit der russischen Star-Ballerina Natalia Osipova liiert. „Die Liebe ist alles, oder? Ohne Natalia wäre ich nicht der, der ich heute bin.“ Das klingt wie auswendig gelernt, und man kann sich gut vorstellen, dass ein so selbstbezogener Mensch sich nur schwer auf einen anderen einlassen kann. Narzissten, sagen Psychologen, seien von einer stabilen Zweierbeziehung meist überfordert. Zwanghaft versuchen sie, eine schmerzhaft empfundene innere Leere durch äußere Anerkennung zu kompensieren, und sehnen sich vor allem nach Beifall. Ohne Narzissmus keine Weltkarriere.

Vielleicht ist Sergei Polunin auf dem Weg dorthin. Aber er will ziemlich viel auf einmal. Er will den Drill seiner Mutter aus dem Kopf kriegen und seinen eigenen Rhythmus finden, dabei hat er sie in ihrem Über-Ehrgeiz längst übertroffen. Er will gefallen und verstören, aufbrechen und bleiben, erfolgreich und frei sein. Von den Tattoos auf seinem Körper fällt eines besonders ins Auge, ein gezacktes Tiger-Graffiti. „Da habe ich mir eine misslungene Tätowierung selbst entfernt. Heute gefallen mir die Narben richtig gut. Für mich hat das etwas extrem Heroisches. Man zerstört etwas und flickt es wieder zusammen.“ Sagt der Mann, der tanzt wie ein junger Gott. Und der die Widersprüche seines Lebens nutzt, um sich selbst mit jedem Schritt, mit jedem Sprung auf die Spur zu kommen.

 

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Text: Susanne Schäfer