Prominente Eltern

Brief an mein Kind

Ein kleines Mädchen holt die Post. | © gettyimages | Rebecca Nelson
Eltern schreiben an ihre Kinder!
Foto: gettyimages | Rebecca Nelson

Wenn Eltern ihren Kindern einen Rat fürs Leben mit­geben dürften, welcher wäre das? Wir haben prominente Mütter und Väter gebeten, ihre Hoffnungen und Wünsche aufzuschreiben.

Zuversicht sticht Sorge

Liebe Pola,

nun wirst du selbst Mama und ich sehe, wie ähnlich wir uns auch darin sind. Einfach schwanger sein und in beiläufiger Vorfreude, die nicht frei von Skepsis ist, schauen, wie das so läuft. Ich habe dir so viel zu sagen und doch nichts, das du nicht bereits wüsstest, mindestens ahntest. Dass man das Leben von vorne nehmen kann, Bestimmtheit und Offenheit sich nicht ausschließen und es die Dinge hinter den Dingen sind, die unsere Wirklichkeit hervorbringen. Alles, wovor wir Angst haben, auch das weißt du, wird durch unsere Angst erst groß. Auch Sorge, die blasse Schwester der Angst, sollten wir nicht an unseren Tisch laden, an dem nun bald ein weiteres kleines Mädchen seinen Platz einnehmen wird. Sie wird ein wundervolles Geschöpf sein, das sich an deiner Seite tummelt, dessen Schönheit du bewunderst, dessen Zartheit dich rührt und dessen Zukunft deine Zuversicht nährt. Die Zuversicht, dass alles, was wir geben können, sich in unseren Kindern zum Guten wendet.

Heike-Melba Fendel, 56, Künstleragentin und Autorin, lebt in Köln und Berlin; die Tochter (28) ausschließlich in Berlin.

Zeigt lieber Gefühle als Tattoos

Hallo ihr zwei,

ich warne vor alkoholischen Getränken, bei denen ihr denkt: Oh, das schmeckt ja gar nicht nach Alkohol. Ich warne außerdem vor dem Bau von kreditfinanzierten Angeberhäusern in der Vorstadt, vor Tattoos am Hals, jeder Art von Beziehung, die ihre Spannung dadurch bekommt, dass sie on und dann wieder off ist, jeder Art von Job, den es nur im Schichtdienst gibt. Und sich wegen Geld und Statussymbolen langfristig zum Deppen zu machen: „Am Ende kann es auch schön sein, zusammen Choco Crossis zu essen und ein bisschen fernzusehen“, sagt Oma Helga, und sie hat wie fast immer recht. Wenn ihr es hinbekommt: In Abständen in die Kirche gehen, das tut komischerweise gut. Genau wie dicke Freundschaften, sich selbst ein astreiner Kumpel sein, Gefühle zeigen, frisch gepresste Säfte. Und loslassen. Genauer Bescheid weiß ich leider auch nicht. Der Rest ergibt sich während der Reise.

York Pihan, 45, „myself“-Kolumnist, lebt mit seinen Kindern (6 und 1) in Berlin.

Von Bauchgefühlen, Mut und Stärke

Liebe Selma, liebe Helena, lieber Nikolaus,

lasst euch nie von jemandem einreden, dass das, was ihr fühlt, oder wie ihr seid, nicht in Ordnung ist. Auch nicht von euch selbst. Menschen sind unterschiedlich, und das ist gut so. Mag sein, dass man manchmal glaubt, anders zu sein als alle anderen, und darunter ab und zu auch leidet und sich einsam fühlt. Aber das täuscht: Jeder ist speziell, manche etwas mehr als andere und manche etwas öfter. Lernt, auf euren Bauch zu hören, auf eure innere Stimme, nicht zu sehr auf die Stimmen, die von außen kommen und die sagen, wie es sein sollte. Vielleicht ist euer Weg dann manchmal weniger gerade, vielleicht ist er umständlich, vielleicht scheint er unverständlich. Das macht nichts. Wenn es euer Weg ist, dann ist er so. Ihn zu gehen erfordert Mut und Stärke, aber ihr habt beides. Auch mir wird es Mut und Stärke abverlangen, euch gehen zu lassen.

Saskia Diez, 41, Schmuckdesignerin, lebt mit ihren Kindern (12, 10 und 8) in München.

Mit dem Glück ist es etwas komplizierter

Liebste Tochter,

es gibt Sätze, die klingen unendlich kitschig – und sind doch so unglaublich wahr: Deine Geburt ist die schönste Erfahrung meines Lebens, und sie macht mich bis heute unbeschreiblich glücklich. Unbeschreiblich meine ich hier wortwörtlich, weil die Geburt eines Kindes ein Wunder ist, das ich nicht beschreiben kann. Was ich aber beschreiben kann, ist Folgendes: Natürlich wünsche ich mir als Mutter, dass du glücklich wirst in deinem Leben. Aber ich wünsche mir auch, dass du erkennen lernst, dass das Streben nach Glück um seiner selbst willen sinnlos ist.

Wir scheitern deshalb so oft auf der Suche nach dem Glück, weil wir dem leeren Versprechen glauben, es in der Lustbefriedigung zu finden, im Kaufrausch, im Streben nach Geld, Macht und Erfolg. Glück ist aber immer nur die Folge von etwas – und zwar von einem gelingenden, sinnvollen Leben. Es gibt ein berühmtes Gleichnis aus dem Mittelalter, in dem ein Wanderer auf einer großen Kathedralen-Baustelle drei Männer erblickt, die Steine klopfen. Als er sie fragt, was sie tun, antwortet der erste: „Ich klopfe Steine.“ Der zweite sagt: „Ich verdiene Geld.“ Der dritte strahlt: „Ich helfe, das Haus Gottes zu bauen!“ Anders gesagt: Es geht nicht nur darum, dass es dir gut geht, sondern dass du für etwas gut bist. Denn dann wirst du auch glücklich werden.

Tamara Dietl, 53, Coach und Autorin, lebt mit ihrer Tochter Serafina (14) in München.

Jeder versteht das Leben anders

Ihr Lieben,

es gibt eine schöne Geschichte von John Lennon, der in der Schule gefragt wurde, was er denn im Leben werden wolle. Seine Antwort darauf: „Glücklich.“ Als seine Lehrerin ihn tadelte, er habe die Frage nicht verstanden, sagte er: „Nein, Sie haben das Leben nicht verstanden!“ Besser und verständlicher kann man es nicht beschreiben. Vertraut auf eure Intuition, hört auf euer Herz und folgt ihm. Das ist es, was euch ausmacht. Jeder von euch hat eine andere Aufgabe, eine andere Bestimmung. Herauszufinden, was das ist, ist die schwierigste Übung überhaupt – aber die einzig lohnende.

Ulli Ehrlich, 50, Chefdesignerin Sportalm, lebt mit ihren Kindern Felix (18), Lorenz (16), Xaver (14), Victor (13) und Mona (5) in Kitzbühel.

Sagt auch mal Nein

Meine lieben Kinder,

ich möchte euch beim Wachsen zusehen. Wie einem Baum, der einen festen Stamm hat und nach oben hin seine Verästelungen und Blätter entfaltet. Ihr sollt wissen, wer ihr seid, was ihr könnt, und gleichzeitig sollt ihr neugierig bleiben. Ihr sollt die frische Luft genießen, die Veränderung mit sich bringt. Ich wünsche mir, dass ihr auf andere Menschen zugeht und keine Angst habt vor dem, was anders ist. Ihr sollt nicht unterscheiden in „Wir“ und „Die“. Nur so macht ihr neue Erfahrungen und bekommt auch mal den Spiegel vorgehalten. Und im besten Fall bekommt ihr etwas zurück. Vielleicht ist auch mal eine Enttäuschung dabei. Aber die gehört dazu.

Vergesst nie, für das, was ihr habt, dankbar zu sein, mit dem Bewusstsein, dass man für Erfolge hart arbeiten muss. Jeder Euro zählt, und nichts ist selbstverständlich. Deshalb ist es mir wichtig, dass ihr lernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Und lernt, auch mal Nein zu sagen. Das habe ich selbst früher leider versäumt. Wenn ihr einen Fehler macht, dann steht dazu. Keiner ist perfekt. Ich wünsche euch, dass ihr euch traut, authentisch zu sein, dass ihr euch nicht verbiegen müsst, nur um anderen gerecht zu werden. Ihr sollt das Leben leben, das zu euch passt, ihr sollt den Partner finden, den ihr euch wünscht. Macht es niemandem recht, außer euch selbst!

Beatrice Rodenstock, 45, Unternehmerin, lebt mit ihren Kindern (12 und 9) in München.

Entdeckt eure Leidenschaften

Ihr Lieben,

nehmt euch die Zeit, euren eigenen Weg zu finden, eure Leidenschaften zu entdecken, das, was euch antreibt. Wenn ihr dem nachspürt, was ihr wirklich möchtet, könnt ihr euch entfalten und viel bewirken. Das Leben läuft nicht linear, es besteht aus Zickzackwegen. Geht eure Schritte einfach mit Mut und Leichtigkeit. Lasst euch treiben, habt keine Panik vor Stolpersteinen. Genießt lieber die Freiheit! Die Zukunft wird euch noch früh genug herausfordern mit all den globalen Krisenherden. Lasst euch nicht aus der Ruhe bringen. Wichtig ist, dass ihr überzeugt seid von dem, was ihr tut und dass ihr voll dahinterstehen könnt.

Antje von Dewitz, 45, Geschäftsführerin Vaude, lebt mit ihren Kindern (18, 16, 12 und 10) in Tettnang.

Hauptsache, ihr seid nicht gleichgültig

Liebe Kinder,

mein Wunsch an euch wäre: Haltet die Augen offen, interessiert euch für das, was in der Welt vorgeht, überlasst die Politik nicht den Einfältigen. Die Leute denken, dass ich hoffen würde, dass meine Kinder so konservativ werden wie ihr Vater. Aber das ist Unsinn. Meinetwegen könnt ihr euch bei Amnesty engagieren, bei den Grünen oder der Linkspartei. Hauptsache, ihr seid nicht gleichgültig. Na gut, Linkspartei nehme ich zurück. Da würden mir die Diskussionen am Abendbrottisch zu anstrengend.

Jan Fleischhauer, 55, Autor („Alles ist besser als noch ein Tag mit dir“, Knaus), hat vier Kinder (23, 21, 3 und 6 Monate).