Aufgewärmte Beziehung.

Eine Bumerang-Liebe: Zusammen oder Getrennt?

Eine weinende Frau hält ein Papier mit einem Lachsmilie vor ihren Mund. | © Unsplash | Sydney Sims
Liebe hat zwei Gesichter
Foto: Unsplash | Sydney Sims

Wie stehen die Chancen für Paare, die es nach einer Trennung noch mal miteinander versuchen? Kann aufgewärmte Liebe erneut Feuer fangen? Eine Frau erzählt von ihrer sogenannten "Bumerang-Beziehung".

„Wir wünschen Dir ein bärenstarkes Jahr!“ 29 Gummibärchen tragen ein kleines Spruchband, mit Stecknadeln halten sie es fest. Jedes von ihnen hat Peter auf einen Pfennig geklebt, damit es nicht umkippt. Als er und ich uns kennenlernen, leben wir noch in der Zeit der Pfennige. In den späten 80ern ist das. Ich heule, als ich diese Gummibärchen-Parade auf meinem Geburtstags-Frühstückstisch sehe. Vor Glück. Nach Jahren von "Meine-Freiheit-ist-mir-wichtiger" und "Ich-ruf-Dich-an-Abgängen" ist da endlich ein Mann, der es ernst meint. Der nicht sofort die Hosen voll hat und dazu noch richtig gut aussieht. Der kochen kann, jungenhaft ist und trotzdem erwachsen, nicht nur über sich redet, sondern auch zuhört, „Cinema Paradiso“ liebt, Joni Mitchell – und mich. Dass ich, die nie an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt hatte, bei ihm binnen Sekunden die Landebahn seiner blauen Augen finde, ist ein Zeichen. Muss eines sein. Nie im Leben bin ich mir so sicher gewesen.

Zusammen sind wir stark! 

Es werden viele bärenstarke Jahre. Wir ziehen zusammen. Meine Töpfe, Deine Pfannen, mein Sofa, Dein Couchtisch, meine Bilder, Deine Schallplatten. Das passt nicht immer, doch wir machen es passend. Wir schaffen neue Dinge an, gemeinsame Dinge. Unser Nest soll richtig schön werden. Wird es auch, und wir fühlen uns darin geborgen. Als einer von uns plötzlich ohne Job ist, ist der andere da. Als wir kurzfristig Schulden haben, haben wir zum Ausgleich uns – und damit Unverwundbarkeit im Dauer-Abo. Wir reisen in der Welt herum, sammeln Erlebnisse, aus denen Erinnerungen werden, und kommen immer wieder gern nach Hause. 

11 Jahre später heiraten wir. Das Hippie-Mädchen in mir hat das früher nie gewollt, aber als Peter die Frage stellt, so ernst und so liebevoll und so zärtlich, ruft alles in mir einfach nur "Ja". Wir feiern in Andalusien. Ein Fest im Süden. Eine lange Tafel unter Oliven-Bäumen. Viel Wein, viel Musik, viel Tanz. Schwimmen im Sonnenaufgang. Wieder dieses bärenstarke Glück spüren. Wissen: Wir haben alles richtig gemacht. 

Die Zeit fließt dahin. Hochzeits­tage, Geburtstage, Jahrestage. Wir haben inzwischen ein neues Haus mit Garten, eine neue Küche, neue Jobs. Wir haben noch immer uns, aber irgendetwas beginnt, sich zu drehen. Wie ein Wetterhahn, der stets nach Süden schaut und fast unmerklich Seitenwind bekommt. Unsere Gespräche werden karger, als würden uns im Ehe-Puz­zle immer mehr Wortsteine verloren gehen. Plötzlich sind sie einfach weg, und zunächst suchen wir gar nicht groß danach. Wir teilen uns mit, dass Eier im Kühlschrank fehlen, aber was wir fühlen, behalten wir mehr und mehr für uns. Es gibt nicht viel Streit, aber viel Schweigen. Das Ungesagte steigt wie der Hochwasserpegel vor einer Flut, und als die Dämme kurz vor meinem 50. Geburtstag schließlich brechen, ist es zu spät. Er versucht mit Liebesbekundungen zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Ich will nur noch raus aus etwas, das mir zu eng und zu klamm scheint. Das von einstiger Fülle nur die leere Hülle übrig gelassen hat. Loslaufen will ich, mitten hinein in das große Aben­teuer Leben. Ohne ihn. Ich packe drei Umzugskisten in mein Auto, fahre nach ­Italien, für zwei Monate Bologna. Fühlen, wie das ist, allein zu sein, nach über 20 Jahren Zweisamkeits-Kokon. Peter hilft mir noch mit den Kartons, und als er mir zum Abschied winkt, weint er. Ich weine auch, weil er so verlassen wirkt, und am liebsten würde ich sofort umkehren und ihn in die Arme nehmen und sagen: "Alles ist gut"! Doch es ist nichts mehr gut, also fahre ich schluchzend über den Brenner und höre dabei „ A Thousand Kisses Deep“ von Leonard Cohen. 

Getrennte Wege: Neubeginn in Italien

Bologna wird trotz – oder vielleicht wegen – der Traurigkeit, die ich im Gepäck habe, ein Fest. Ich lebe auf. Das bin endlich wieder ich, die ich spüre – und das teile ich Peter mit. Wir skypen oft, und weil er mir von seinen Reisen hinreißende Karten schreibt, denke ich, jetzt können wir es vielleicht wieder schaffen. Doch ein halbes Jahr nach meiner Rückkehr schmelzen die Vorsätze wie Vanilleeis in der Sonne. Ich nehme mir eine Wohnung in der Stadt, er sich eine auf dem Land. Es gibt keinen Streit beim Aufteilen von Sesseln und Sofa und Schrank und Betten. Bestürzt und behutsam gleichermaßen wickeln wir ein, was wir über die Jahre angesammelt hatten, trinken eine letzte Flasche Rotwein im alten leeren Zuhause und helfen uns tags darauf gegenseitig bei den Umzügen. 

„Wann lasst ihr euch scheiden?“, fragen Freunde. „Ihr solltet einen klaren Schnitt machen.“ Irgendetwas in mir, nennen wir es ruhig mein Herz, bockt – als ob es fühle, dass unsere Geschichte noch nicht zu Ende ist. Wir halten Kontakt, vorsichtig zwar, am kleinen Finger, der nicht wirklich loslassen will. Bis ich drei Jahre später einen anderen Mann kennenlerne und die erste echte Zerreißprobe kommt. Einen Sommer lang bin ich wie ein verliebter Teenager, um am Ende knallhart auf dem Boden hässlicher Tatsachen zu landen. Ich habe mich auf einen Narzissten eingelassen, dem ich nicht viel wert bin.

Versuch 3.0: Endlich zurück- und angekommen! 

Als Peter mich vom Flughafen abholt, wo ich nach drei Wochen Albtraum-Urlaub ankomme, fühlen wir plötzlich, was der Satz von den guten und den schlechten Tagen wirklich bedeutet. Auch Peter hat eine Beziehung gehabt, und selbst wenn diese eher leise ausgeklungen ist, sind wir beide danach verletzt, verzweifelt, versehrt. Doch wir haben immer noch uns. Wir reden mit Therapeuten – aber vor allem reden wir wieder miteinander. Wir schonen uns nicht, stattdessen schmeißen wir uns Sachen an den Kopf, die richtig wehtun. Das Verblüffende: Jeder blaue Fleck bringt mehr Heilung. Als wir das erste Mal wieder gemeinsam in den Urlaub fahren, nehmen wir auch unsere Bedenken mit. Und beschwichtigen uns gegenseitig: Wenn’s schiefgeht, hat danach jeder seine Wohnung, und tja … es geht nicht schief, sondern gut. 

Mittlerweile sind es viele Urlaube geworden, und wir suchen seit Kurzem ein neues Haus. Eines, in dem jeder eine Tür hat, die er schließen kann, aber den anderen trotzdem in der Nähe weiß. Denn es ist diese Nähe, die wir wollen und brauchen. Das wissen wir inzwischen. Unsere Liebe hat ein festes Fundament, wie die Gummibärchen, die nach wie vor wacker ihr Banner hochhalten. Manchmal muss man eben weggehen, um wirklich anzukommen.  

 

Wo ist die Lust geblieben? Alles zum Thema Libidoverlust oder wie ein Urlaub die Beziehung retten kann!