Männer-Typen

Männer im Laufe meines Lebens

Männer sitzen auf einer Brücke | © Unsplash.com |  Sammie Vasquez
Mit den Jahren feilen wir an unserem Männergeschmack.
Foto: Unsplash.com | Sammie Vasquez

Wer über sein Liebesleben nachdenkt, erfährt eine Menge. Besonders über sich selbst!

Gerade liege ich am Traumstrand auf Sansibar und starre ins Ozean-Lagunen-Blau- Grün. Kein Mensch weit und breit, nur eine winzig kleine dunkle Kugel schaukelt weit draußen in den Wellen. Sieht aus wie eine Boje, die den nicht vorhandenen Schiffen Halt geben soll, ist aber der Kopf meines Freundes Alexander. Er ist ein begeisterter Weitdraußen- in-den-Wellen-Schaukler und wird sich frühestens in einer Stunde wieder neben mich in den Sand werfen. Ich schließe die Augen.

Rechts von mir gurrt und turtelt es mehrstimmig. Zwei Honeymoon-Pärchen posieren vor der schönsten Palme und knipsen sich gegenseitig. Vorbei mit der Ruhe, ich nehme ein britisches Magazin zur Hand und vertiefe mich in einen Artikel, der auf einer wissenschaftlichen Untersuchung beruht. "Nimm sie alle!", steht da in neckischem Ratgeber-Slang. Denn für jeden von uns gäbe es nicht nur einen perfekten Partner. Nein, jetzt, in diesem Moment liefen weltweit etwa 150 000 ideale Partner rum. "Ihr armen Irren verpasst das Beste", will ich den Honeymoonern zurufen. "Warum einen nehmen, wenn man viele haben kann?" 

Die Liebe ist eine Reise, von Mann zu Mann, von Sieg zu Niederlage, von Niederlage zu Sieg

Moment mal, genau so habe ich doch mit 16 gedacht. Kann es sein, dass sich der Kreis schließt und ich jetzt, über 30 Jahre später, liebesmäßig wieder zum Teenie werde? Zu einer, die sich aus dem riesengroßen Ozean der Möglichkeiten all das rausfischen will, wonach ihr gerade so ist? Die Liebe ist eine Reise, von Mann zu Mann, von Sieg zu Niederlage, von Niederlage zu Sieg. Sie führt uns durch verschiedene Lebens- und Reifungsphasen mit all ihren Wünschen, Zwängen und Konflikten. Und natürlich feilen wir mit den Jahren an unserem Männergeschmack, verfeinern ihn, stehen plötzlich auf Typen, von denen wir glauben, dass sie gerade jetzt unsere entscheidenden inneren Facetten ansprechen und herauslieben können. Und so reisen wir von Erfahrung zu Erfahrung, von Erkenntnis zu Erkenntnis.

1. Der distanzierte Vater-Ersatz

Meine Reise begann mit 15. Damals wollte ich weg von meinen Eltern. Ich fühlte mich nicht wirklich geborgen und verstanden und dachte, ich könnte mir das, was ich zu Hause nicht fand, bei Jungs und Männern holen. Wenn ich die Straße entlanglief, kam es mir vor, als könnte ich jeden Zweiten haben, was mir das ersehnte Gefühl von Macht und Unverwundbarkeit gab. Grundsätzlich hielt ich mich damals an Ältere. Gleichaltrige oder gar Jüngere fand ich blöd. Tom, drei Klassen über mir, zeigte mir auf einer Wiese neben der Schule, wie man mit Zunge küsst. Für Fummelspielchen war Felix zuständig. Peter, sechs Jahre älter, hatte einen VW-Bus mit Matratze, wo es schließlich passierte. Natürlich war dieses erste Mal megamau. Egal, ich fühlte mich erwachsen und selbstbestimmt. Dass meine tollen Männerwechselspielchen manchmal was Zwanghaftes hatten, weiß ich erst heute.

Ich suchte Nähe bei Männern, die auf Abstand gingen

Denn alle meine damaligen Lover ähnelten meinem Vater, optisch sowieso, aber auch von der Art. Unbewusst ließ ich mich nur auf Jungs ein, mit denen sich genau die Konstellation ergab, die ich von zu Hause kannte: Hier der unerreichbare, oft abwesende Vater, dort das kleine Mädchen, das sich nach seiner Liebe sehnte und alles dafür tat, die Kluft zu überbrücken. Auch wenn es nach außen wirkte, als hätte ich die Zügel fest in der Hand, waren meine Männer die Mächtigeren. Ich brauchte sie für meine Selbstbestätigung, sie ließen mich zappeln, wichen zurück, wenn ich mehr wollte als Sex. Niemals kam ich wirklich an sie ran.

2. Kumpeltypen mit Helfersyndrom

Mit 18 traf ich David. Ein neuer Männertyp kam ins Spiel: warmherzig, emotional, überfürsorglich. David war "nur" zwei Jahre älter und hatte viel von meinem heißgeliebten großen Bruder. Heute weiß ich, dass ich mich lange an den beiden Männerfiguren meiner Familie abarbeitete und entweder auf Vater-Männer oder Bruder-Männer abfuhr. Die Vater-Männer waren sexuell aufregend, die Beziehungen zu ihnen kurz und stressig. Die Bruder- Männer – meist Kümmertypen mit Helfersyndrom – gaben mir Ruhe und Nestwärme, aber allzu schnell rutschten wir ins Kumpelige, Kaum-mehr- Erotische ab. Sechs Jahre blieb ich mit David zusammen. Irgendwann sehnte ich mich wieder nach verschärften Herzrhythmusstörungen und verließ ihn. Experimentierphase Nummer drei begann.

3. Der verheiratete Liebhaber

Inzwischen war ich an der Uni, jobbte nebenbei am Theater und hatte eine schier unübersichtliche Auswahl an potenziellen Bettgefährten. Ich schöpfte aus dem Vollen, verlor den Überblick und schuf massives Logistikchaos. Egal, es war wunderbar leicht, frei und tat überhaupt nicht weh. Bis ich mich in Pedro verliebte, einen Regisseur aus Südamerika, 15 Jahre älter, verheiratet. Er entsprach auf fast klischeehafte Weise meinem Beuteschema: schmal, schwarze Mähne, intellektuelles Mienenspiel, empfindsamer Blick. Da war er wieder – der "Vater". Die Distanz zwischen uns war durch seine Ehe vorgegeben. Bei einer Affäre mit einem gebundenen Mann kann man völlig gefahr- und konsequenzlos aufs Ganze gehen, man kann powern, die Leidenschaftliche und Mega-Bindungswillige geben, ohne die Bewährungsprobe in der Realität bestehen zu müssen. Als Pedros Frau für ein paar Monate verreiste, zog ich bei ihm ein. Es war gigantisch. Bis seine Frau zurückkam. Am Tag vor ihrer Ankunft bezogen Pedro und ich das Ehebett neu. Dort würde er ab morgen wieder mit ihr schlafen. Diesmal tat es furchtbar weh.

Wunschdenken und Wirklichkeit klafften bei mir meilenweit auseinander

Gott, war das schön! Gott, war das schrecklich! Zum Glück. Denn immer dann, wenn das Leben nach oben oder unten ausschlägt, wenn es uns aus dem Himmel in die Hölle katapultiert, lernen wir am meisten über uns selbst. Nach und nach begriff ich: Wunschdenken und Wirklichkeit klafften bei mir meilenweit auseinander. Ich hatte eine tiefe Sehnsucht nach Nähe. Und eine noch größere innere Kraft, die massiv dagegenarbeitete und mir immer wieder distanzierte, vergebene, also "ungefährliche" Männer vor die Füße spülte. Wir können noch so sehr von warmherzigen, treuen Partnern träumen, das bringt nichts. Wenn wir selbst (noch) nicht bindungsfähig sind, werden wir auch keinen solchen Mann treffen. Unbewusstes erkennt Unbewusstes irrtumslos, sagen Psychologen. Es zieht uns immer genau dorthin, wo es noch etwas zu erledigen gibt. Wieder und wieder schlittern wir in ähnliche Beziehungskonstellationen, bis wir endlich begreifen, wo es bei uns hapert und welche frühkindlichen Konflikte, Verlustängste und Lebensthemen wir gerade jetzt zu bewältigen haben.

4. Der konfliktscheue neue Mann

Mit 26 wollte ich das volle Programm: Langzeitbeziehung, Nähe, Harmonie. Tollen Sex natürlich auch. Moritz schien mir der Richtige dafür: zehn Jahre älter, sanft, freundlich, attraktiv. Dazu linksintellektuell, staubsaugererfahren und waschmaschinenfest, ein sogenannter Neuer Mann. Wir saßen nebeneinander auf der Couch und führten Beziehungsglück-Theater auf. Es gab unglaublich viel Verständnis, Harmonie, Miteinanderreden. Meist so weit um den heißen Brei herum, dass wir in den neun Jahren, die wir zusammenlebten, kein einziges Mal stritten. Zuerst fühlte sich das warm und kuschelig an. Dann wurde ich selbstbewusster und spürte: Moritz konnte damit nicht umgehen.

Männer wie er, die grundsätzlich mit viel jüngeren Frauen zusammen sind, fühlen sich von Partnerinnen auf Augenhöhe oft in ihrer Männlichkeit bedroht. Wie so viele seiner 68er-Weggefährten erwies sich auch dieser Neue Mann als mental und Mut zur Hingabe, der erwachsene Frauen spannend findet und souverän genug ist, sich auch mal meiner Führung anzuvertrauen. Er versuchte mich klein zu halten, und ich ließ es geschehen. Unter seiner sanften, von Konfliktscheu getragenen Führung verlernte ich es regelrecht, meine Meinung zu sagen. Neugier, Mut, Lust und Lebensfreude stahlen sich unmerklich durch die Ritzen unseres perfekt abgeschliffenen Parketts davon. Ich verlor meine Konturen, wusste nicht mehr, was ich wollte und wer ich war. Irgendwann wachte ich auf und beendete die Beziehung mit einem Knall.

5. Das Happy End – mit einem jüngeren

Mit 35 hatte ich genug von Papis, großen Brüdern und anderen Welterklärern, die mich mal forsch, mal mit übertriebener Fürsorglichkeit in ihre Richtung bugsieren wollten. Ich wusste, ich muss alte Liebesmuster aufbrechen, wirklich erwachsen werden und eine Zeitlang allein leben. Ohne starke Schulter. Ohne Affären, die mich von mir selbst ablenken. Nach zwei Jahren ging es mir richtig gut, und immer dann, wenn man wirklich glücklich und ganz bei sich ist, passieren einem die besten Dinge. Auf einer Party traf ich Alexander: schwarze Haare, schöne Augen, warmherziger Blick.

Oh Gott, mein altes Beuteschema – ich zuckte zurück. Doch bald merkte ich: Dieser Mann bringt etwas völlig Neues in mein Leben. Endlich einer mit viel Selbstironie und Mut zur Hingabe, der erwachsene Frauen spannend findet und souverän genug ist, sich auch mal meiner Führung anzuvertrauen. Er kann wunderbar kochen, viel besser als ich. Streiten auch. Schonungslos reden wir Klartext, grenzen uns voneinander ab und kommen uns genau deshalb immer wieder sehr nah. Aber vor allem ist Alexander der erste Mann, der jünger ist als ich. Fünf Jahre liegen zwischen uns, und genau das tut mir gut. Heute finde ich die meisten gleichaltrigen und älteren Männer unattraktiv, nicht nur, weil viele ihre Angst vor dem Altwerden mit jungen Mädels heilen wollen. Nein, sie haben oft so was Starres, Unbewegliches, latent Herrschsüchtiges.

Endlich ein Mann mit Selbstironie und Mut zur Hingabe

Alexander lässt sich in diesem Moment an den Strand spülen. Er war früher Leistungssportler und hat immer noch einen schönen Körper. Wie er so vor mir steht, tropfnass, und von innen heraus strahlt, weiß ich, dass diese Studie aus dem britischen Magazin Käse ist. Heute brauche ich nicht zig Männer und auch keine kindischen Machtspielchen mehr, sondern echte Herausforderungen: Liebe wagen, mit einem einzigen Partner, jeden Tag neu. Trotz Stress und Routine spannend füreinander bleiben. Echte Nähe erleben, ohne zu klammern. Frei sein, ohne sich zu verlieren.

Schließlich folgt meine Liebesreise einer inneren Logik, und da ist es kein Zufall, dass Alexander und ich jetzt schon über 15 Jahre zusammen sind. Er ist die Quintessenz all meiner früheren Männer und genau der Richtige für das Hier und Jetzt. Wie eine Boje im großen Meer der Möglichkeiten gibt er mir Halt und Orientierung. Auf meiner Reise zu mir selbst will ich noch viel Neues probieren, Erkenntnisse sammeln, bis ans andere Ende der Welt schwimmen. Und ich weiß, da ist einer, bei dem ich immer mal wieder festmachen, auftanken und Kraft schöpfen kann.