Östrogenfreie Pillen

Östrogenfrei verhüten: Ist das möglich?

Vier junge Freundinnen beim Wandern | © gettyimages.de|Rawpixel
Die Verhütungsmethode sollte zu den Bedürfnissen und Lebensumständen einer Frau passen. Heutzutage gibt es eine große Vielfalt an Verhütungsmittel und es ist nicht immer leicht die passende Verhütung zu wählen. Eine Möglichkeit bieten zum Beispiel östrogenfreie Anwendungssysteme - also „Pillen.“
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Ein Klingeln des Handyweckers, ein Reminder auf dem Smartphone oder ein bloßer Blick auf die Uhr genügt: Es ist wieder Zeit, die Pille zu nehmen. Egal wo man gerade ist, die Blisterpackung wird schnell aus der Handtasche gekramt und die kleine Pille geschluckt. Schon vor über 60 Jahren wurde die erste Antibaby-Pille oder kurz „die Pille“ auf den Markt eingeführt und sie ist bis heute die beliebteste Verhütungsmethode der Frau. Kein Wunder, denn sie gehört zu den zuverlässigsten Verhütungsmethoden, ist einfach anzuwenden und bei Kinderwunsch kann Frau sie jederzeit wieder absetzen.

Die klassische Pille besteht aus zwei Hormonen: ein Östrogen und ein Gestagen. Die Pille wird aber immer wieder kritisiert. Warum? Einer der Hauptgründe ist, dass die Pille mit einem erhöhten Risiko für Thrombose in Verbindung gebracht wird. Was viele jedoch nicht wissen: Für das erhöhte Thromboserisiko steht der Östrogenanteil der Pille in Verdacht. Was auch viele nicht wissen: Es gibt östrogenfreie Pillen, also solche die nur ein Gestagen haben. Ist aber die östrogenfreie Pille eine Verhütungs-Alternative für Frauen?

Die Wirkung der Pille: Östrogene und Gestagene

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Pille beständig weiterentwickelt worden und noch heute ist die Antibabypille, im Fachjargon orales Kontrazeptivum genannt, das beliebteste Verhütungsmittel. Doch wie wirkt die Pille eigentlich?

Normalerweise reift pro Menstruationszyklus einer Frau eine Eizelle im Eierstock heran, sodass es zum Eisprung kommt und die Eizelle befruchtet werden kann. Das in der Pille enthaltene Gelbkörperhormon (Gestagen) verhindert den Eisprung, so dass es nicht zur Befruchtung kommen kann. Zusätzlich verdickt es den Schleim am Gebärmutterhals, sodass die Spermien nicht in die Gebärmutter einwandern können. Folglich wird die Befruchtungswahrscheinlichkeit deutlich verringert. Gleichzeitig verändert das Gestagen die Struktur der Gebärmutterschleimhaut, sodass die Eizelle sich auch dann nicht einnisten könnte, wenn es zum unwahrscheinlichen Fall einer Befruchtung kommen sollte. Das Gestagen verhindert also, dass man schwanger wird.

Die meisten Pillen enthalten Gestagene und Östrogene, wobei Östrogene für regelmäßige Monatsblutungen sorgen sollen. Es handelt sich dabei um Kombinationspillen, die von reinen Gestagenpillen zu unterscheiden sind. Reine Gestagenpillen verzichten auf Östrogene und enthalten nur ein Gestagen. Sie sind aber genauso wirksam.

Die Pille und Thromboserisiko?

Bei einer Thrombose bildet sich ein Blutgerinnsel in einem Blutgefäß. Wenn sich das Blutgerinnsel in einer Vene bildet, spricht man von einer venösen Thrombose. Östrogene wird eine Erhöhung des Risikos einer Thrombose zugeschrieben, denn sie aktivieren Stoffe in unserer Leber, die die Bildung eines Blutgerinnsels fördern. Hinzu kommt, dass manche Frauen bereits ohne die Einnahme der Pille ein erhöhtes Thromboserisiko haben. Beispielsweise, wenn es in der Familie oder in der eigenen Krankheitsgeschichte schon Thrombose-Fälle gab. Das Gleiche gilt auch für Raucherinnen, ehemalige Raucherinnen, Frauen die älter als 35 Jahre sind sowie für übergewichtige Frauen. Das Auftreten einzelner oder mehrerer Faktoren gleichzeitig führt dazu, dass die Weltgesundheitsorganisation zum Beispiel eher Gestagenpräparate für solche Fälle empfiehlt1.

Die Pille und Stillen?

Kombinationspillen mit Östrogenen werden nach der Geburt und in der Stillzeit nicht oder nur eingeschränkt empfohlen1. Östrogenfreie Pillen können dagegen in der Regel verwendet werden. Am besten informiert man sich dazu bei seiner Frauenärztin oder seinem Frauenarzt des Vertrauens.

Östrogenfreie Pillen: Gestagene & Einnahmeschema

Die östrogenfreie Pille enthält im Vergleich zur Kombinationspille nur eine Art von Hormon, das bereits erwähnte Gestagen und dieses scheint nicht zu einer zusätzlichen Erhöhung des Thromboserisikos zu führen. Außerdem bieten östrogenfreie Pillen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen genauso hohen und zuverlässigen Verhütungsschutz wie Kombinationspräparate.1

Gut zu wissen: Orientierung zur Verhütungszuverlässigkeit bietet übrigens der sogenannte Pearl-Index. Je niedriger der Pearl Index, desto sicherer ist die Verhütungsmethode. Ein Pearl-Index von 1 bedeutet, dass 1 von 100 Frauen, die ein Jahr lang dasselbe Verhütungsmittel verwenden, schwanger werden.

Gestagene

Die Wahl der richtigen Pille ist sehr wichtig und sollte sorgfältig und individuell gemeinsam mit der Frauenärztin bzw. dem Frauenarzt gewählt werden. Kommen östrogenfreie Pillen in Betracht, stehen bei den oralen Systemen drei Gestagenpillen zur Auswahl. Das sind Pillen mit den Gestagenen Levonorgestrel, Desogestrel und Drospirenon. Doch wie unterscheiden sich diese östrogenfreien Pillen voneinander? Welche dieser Pillen passt am besten zu mir?

Sprechen Sie Ihre Ärztin/ Ihren Arzt bei Ihrem nächsten Termin an. Lassen Sie sich zur östrogenfreien Pille beraten und treffen Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin / Ihrem Arzt die richtige Entscheidung für sich.

Einnahmeschema

Die Einnahme der östrogenfreien Pille ist im Alltag einfach anzuwenden. Bei der östrogenfreien Pille mit dem Gestagen Desogestrel oder Levonorgestrel nimmt man 28 Tage lang je eine wirkstoffhaltige Pille ein. Wenn ein Blister zu Ende ist, bricht man einen neuen an und setzt die Einnahme ohne Unterbrechung fort.

Bei der östrogenfreien Pille mit dem Gestagen Drospirenon gibt es einen Unterschied im Einnahmeschema. In den ersten 24 Tagen nimmt die Anwenderin je eine wirkstoffhaltige Pille ein und in den letzten 4 Tagen wird täglich eine wirkstofffreie Tablette (Placebo) eingenommen.

Ausblick: Geht der Trend zur östrogenfreien Verhütung?

Seit 1961 das erste Präparat der Antibabypille in Deutschland auf den Markt gekommen ist, ist viel passiert. Die Pille selbst und auch ihr Ruf hat sich verändert und entwickelt. Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verhüten rund 47 Prozent der 18- bis 49-Jährigen in Deutschland mit der Antibabypille.2 Vor zehn Jahren waren es noch sechs Prozent mehr. Immer mehr Frauen setzen die Pille aus den unterschiedlichsten Gründen ab. Wie sich der Trend in Zukunft entwickeln wird, ob östrogenfreie Verhütungsmethoden wie zum Beispiel die Gestagenpillen sich aufgrund ihres Sicherheitsprofils weiter durchsetzen, bleibt abzuwarten.

Die Wahl der richtigen Verhütungsmethode sollte keine leichtfertige Entscheidung sein, sondern eine, die wohlüberlegt ist. Jede Gynäkologin und jeder Gynäkologe wird sich bei einem Beratungsgespräch ausreichend Zeit nehmen, um die bestmögliche Verhütungsmethode zu finden, die zu den individuellen Bedürfnissen und Lebensumständen der Patientin passt.

1)    World Health Organization. Medical eligibility criteria for contraceptive use. 5th ed. Geneva: WHO; 2015;

2)     Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Sichergehn – Verhütung für sie und ihn. https://www.bzga.de/infomaterialien/familienplanung/ Heruntergeladen am 18. Februar 2021.

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