Nachhaltig unterwegs

Gutes Gewissen im Gepäck

Junge Frau zeigt mit der Hand auf den Globus | © gettyimages.de | Westend61
61 % der Deutschen möchten laut Umweltbundesamt umweltfreundlich reisen, aber nur sechs Prozent buchen auch dementsprechend.
Foto: gettyimages.de | Westend61

Die Welt sehen, ohne ihr zu schaden? Geht nicht. Aber Daheimbleiben ist auch keine Lösung (ganz im Gegenteil).

Reisen in Zeiten von Corona

Im Reisejahr 2020 blieben Flugzeuge am Boden, Kreuzfahrtschiffe im Hafen, die Menschen zu Hause. Das hatte mitunter ganz erstaunliche Folgen: Das Wasser in den Kanälen von Venedig war auf einmal wieder wunderbar klar, im Zoo von Hongkong paarten sich – nach zehn Jahren sexueller Abstinenz – endlich die Pandas Ying Ying und Le Le. Kurz: Natur und Tierwelt hatten Zeit, mal wieder durchzuatmen. Und so manchem kam der Gedanke: Wäre die Welt nicht besser dran ohne Touristen? Na ja, ganz so einfach ist es nicht. Weltweit arbeitet jeder elfte Mensch direkt oder indirekt für den Tourismus, vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern ist die Branche ein wichtiger Arbeitsmarkt. Kulturerbestätten? Könnten ohne die Einnahmen aus dem Tourismus gar nicht erhalten werden. Und auch wenn es auf den ersten Blick so scheint – selbst für die Natur ist die Pandemie nicht nur ein Segen. Sehr viele Schutzmaßnahmen würden unmittelbar durch die Reisenden finanziert, so Petra Thomas, Geschäftsführerin der Nachhaltigkeitsplattform forum anders reisen. „Im Moment können etwa Ranger nicht mehr bezahlt und Nationalparks nicht mehr gesichert werden“, sagt sie. Die Folgen sind verheerend: Flächen, die eigentlich unter Schutz stehen, werden von Einheimischen für die Landwirtschaft genutzt, und Wilderer haben leichtes Spiel. In Indien etwa sei laut der Umweltschutzorganisation WWF die Wilderei im Lockdown um 150 Prozent angestiegen. Die illegale Waldrodung in den Tropen? Hat seit März vergangenen Jahres ebenfalls um 150 Prozent zugenommen. Dennoch: Man sollte die Krise als Chance sehen. Für ein bewussteres Reisen. Zum Beispiel könnte man das Prinzip der Mittelmeerdiät anwenden: weniger, aber dafür besser. Und sich immer schön Zeit lassen.

Nachhaltig reisen

Vier Fragen, die man sich vor jedem Urlaub (oder Business-Trip) stellen sollte:

  1. Will ich reisen oder ankommen? Ins Flugzeug steigen und zwei bis zwölf Stunden später am Strand liegen: So lief Urlaub vor der Pandemie oft ab. Es wird Zeit für eine neue Definition. Zum Beispiel indem man den Weg zum Ziel macht. Gelingt etwa auf einem Frachter oder Containerschiff. Mehr Tipps in: „Abenteuer Schiffsreisen - alles außer Kreuzfahrt“ (Polyglott, 22 Euro)

  2. Wie komme ich hin? Bei Flügen hat die Kurzstrecke (auf den Kilometer gerechnet) eine besonders miese Klimabilanz. Deshalb sollte man bei Entfernungen bis 800 Kilometer lieber darauf verzichten. Davon abgesehen: immer Direktflüge buchen, Zwischenlandungen erzeugen mehr Emissionen. Und: Je weiter man fliegt, desto länger sollte man bleiben.

  3. Wohin soll es gehen? Wenn beliebte Ziele (Palma, Barcelona, Dubrovnik) unter den Besuchermassen fast zusammenbrechen, spricht man von Overtourism. Wer trotzdem hinmuss, unbedingt auf die Nebensaison ausweichen. Denken Sie nur: in der Gondel durch das verschneite Venedig? Pure Poesie!

  4. Was kann ich vor Ort tun? In kleine, inhabergeführte Unterkünfte ausweichen und Touren bei Führern vor Ort buchen (ist meist auch billiger). Findet man zum Beispiel über die Plattform Airbnb Experiences. Außerdem fängt nachhaltiges Reisen zu Hause an. Immer eine wiederbefüllbare Trinkflasche mitnehmen und Sonnencreme ohne chemische Filter (die enthaltenen Stoffe Octocrylen und Octinoxat schaden dem Meer) kaufen.

Nachhaltige Unterkünfte buchen

Hier gibt's nachhaltige und schöne Unterkünfte:

Hiersein.de: Ob Hotel, Zelt oder Tiny House: Die Plattform hat sich auf besondere Unterkünfte in Deutschland spezialisiert.

Greenpearls.com: Wer es komfortabel und exotisch mag, findet hier luxuriöse Resorts und Retreats weltweit.

Bookitgreen.com: Finca in Spanien, Masseria in Italien: Eine große Auswahl an tollen Unterkünften in ganz Europa bietet Bookitgreen.

Übrigens: Wie wär es mal mit Costa Rica? Eines der nachhaltigsten Ziele weltweit liegt in Mittelamerika: Schon 1997 wurde in Costa Rica die Certification for Sustainable Tourism eingeführt, inzwischen qualifizieren sich die meisten Unterkünfte vor Ort dafür. Außerdem versorgt sich das Land seit 2016 komplett mit nachhaltiger Energie und nimmt das Thema Mülltrennung besonders ernst. Wer Abfall aus dem Auto wirft, zahlt bis zu 260 Euro. Noch mehr Argumente für Costa Rica? 29 Nationalparks, traumhafte Strände, eine gute Infrastruktur. Und sicher ist es auch.

Nachhaltige Gütesiegel

Petra Thomas, Chefin vom forum anders reisen, spricht im Interview über Gütesiegel – und ob sie halten, was sie versprechen.

Helfen Ökosiegel dabei, nachhaltige Hotels zu finden?

Petra Thomas: Definitiv. Jedes Hotel, das ein solches Siegel bekommt, wurde von einem Zertifizierungsunternehmen durchleuchtet.

Siegel ist aber nicht gleich Siegel, oder?

Es gibt qualitative Unterschiede. Manche Siegel berücksichtigen etwa nur ökologische Aspekte, keine sozialen. Eine gute Übersicht bietet die Website Tourism Watch. Dort werden die 20 wichtigsten Zertifikate genau unter die Lupe genommen.

Gibt es Fluggesellschaften, die ökologischer sind als andere?

Eine Airline mit neuer Flotte verzeichnet deutlich weniger Emissionen. Aber auch Dinge wie die Bestuhlung der Maschinen spielen eine Rolle. Wer sich darüber informieren möchte, sollte sich den Airline Index der Klimaschutzorganisation Atmosfair anschauen. Dort kann man auch Flugkompensationszahlungen leisten, die zum Beispiel in afrikanische Solarsysteme oder Biogasanlagen in Nepal investiert werden.

Nachhaltige Hotels in Deutschland

Immer mehr Menschen entscheiden sich für Urlaub in Deutschland. Diese Hotels in Deutschland sind nachhaltig - und noch echte Geheimtipps!

Janbecks Fairhaus, Ostsee: Der reetgedeckte ehemalige Bauernhof erzeugt seinen Strom selbst, bereitet Wasser auf und hat eigene Leih-E-Autos. Außerdem ist von der Bettwäsche bis zu den Snacks im Café alles nachhaltig.

Creativhotel Luise, Erlangen: Zero-Waste-Frühstück, Obstgarten mit Bienenstock, Carsharing-Parkplatz und Ökostrom – wenn das mal keine Argumente für einen Ausflug nach Erlangen sind.

Kenners Landlust, Wendland: Das Fachwerkhaus am Rand der Lüneburger Heide hat ein eigenes Blockheizkraftwerk, im Spa werden Massagen, Cranio-SacralBehandlungen und Naturkosmetik angeboten. 

Kurzurlaub: Die besten Reiseziele für schnelle Erholung

Frau und Mann liegen m Bademantel auf Liegestuhl am See mit Blick auf Bergpanorama | © iStock | Christopher Moswitzer

Nachhaltig reisen im Nachtzug

Eine Fahrt im Nachtzug kann das ganze Leben verändern, zumindest wenn man Pascal Merciers Roman „Nachtzug nach Lissabon“ glaubt. In jedem Fall gehört es aber zu den umweltfreundlichen Möglichkeiten, an sein Ziel zu kommen. Zwar hatte die Deutsche Bahn vor fünf Jahren (trotz massiver Kritik) ihre Schlafwagen komplett aufgegeben, jetzt werden – in Zusammenarbeit mit Österreich, der Schweiz und Frankreich – aber vier neue Nightjet-Linien in Betrieb genommen, die 13 europäische Metropolen miteinander verbinden. Ab Dezember kann man dann etwa von Wien nach Paris fahren. Eine Übersicht der bereits bestehenden Nachtverbindungen weltweit gibt es auf night-trains.com

Tipps gegen Fernweh

Ihr wollt doch lieber daheim bleiben? Kein Problem! Mit diesen Tipps holt ihr die Welt zu euch nach Hause:

Sofa-Safari Auge in Auge mit wilden Tieren: Der Reiseveranstalter &Beyond streamt täglich Liveübertragungen von Safaris. Dauern jeweils drei Stunden und werden von Rangern geführt, denen man per Youtube oder Twitter auch Fragen stellen kann. Schauplatz: die südafrikanischen Wildtierreservate Ngala und Djuma, die in den berühmten Kruger National Park übergehen – die Chancen auf die „Big Five“ (Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard und Büffel) stehen also nicht schlecht.

Einmal weglesen, bitte „Kein Schiff trägt uns besser in ferne Länder als ein Buch“, wusste schon Emily Dickinson. Die Dichterin hätte die Website Trip Fiction geliebt: Man gibt seine Wunschdestination ein – und bekommt eine Liste von Sachbüchern über das Sehnsuchtsziel und Romanen, die dort spielen.

Fantastisch für Foodies Sehnsucht nach amerikanischen „Skittles“ oder Chips mit Sushi-Aroma, die es in Bangkok im 7-Eleven gibt? Im Online-­Shop vernaschediewelt.de kann man Leckereien aus aller Welt bestellen. Wen die Lust auf italienische Pasta nach altem Familienrezept packt, bucht bei Nonna Live einen Online-Kochkurs.

Text: Johanna Schuhmann

Geht das auch in grün?

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