Außergewöhnliche Frauen

Machen statt Träumen

Andrea Karg winkt vom Laufsteg unter einem Allude Logo. | © gettyimages | Gareth Cattermole
Andrea Karg auf einer ihrer Allude-Shows
Foto: gettyimages | Gareth Cattermole

Auch in kreativen Jobs braucht man eine Portion Pragmatismus. Das sagen Designerin und Unternehmerin Andrea Karg und ihre Cousine, die Künstlerin Doris Frohnapfel.

Andrea Karg, 56, ist die Gründerin des Münchner Cashmerelabels Allude

Wir wohnten mitten in Düsseldorf, Doris’ Familie hatte außerhalb ein Haus mit Garten und Apfelbäumen, in Mettmann. Nach der Schule haben meine Cousine und ich uns fast aus den Augen verloren. Erst Jahre später habe ich angefangen, Familientreffen in Düsseldorf zu organisieren. Ich habe wie mein damaliger Freund in München Jura studiert. Irgendwann fand ich das nicht mehr so spannend – trotzdem habe ich mit dem ersten Staatsexamen abgeschlossen. Das liegt in unserer Familie: Man muss Dinge zu Ende bringen. Mein Studium finanzierte ich mit Modeln und Spielen, die ich mir für „Dalli Dalli“ ausdachte, eine frühere Fernsehshow im ZDF.

Irgendwann suchte ich einen Pullover, der weich und weiblich war, tailliert, mit größerem V-Ausschnitt und aus Cashmere. Gab es nicht. Nur teure Twinsets, hochgeschlossen, klassisch. Ich dachte: Wenn ich gern so einen Pullover hätte, dann geht es anderen Frauen auch so. Ich hatte gerade meine Kinder bekommen und mit dem Referendariat angefangen, da kam mir die Idee, eine eigene Firma zu gründen. So einfach war das.

Pragmatismus ist sicher eine meiner wichtigsten Eigenschaften. Bloß kein Drama machen. Doris tickt da übrigens ähnlich. Ich bewundere ihre Konsequenz und Geradlinigkeit, mit der sie ihre Kunst betreibt. Sie ist ein grundehrlicher Mensch, verkauft sich nicht, sie ist so wenig Show, dass ich dankbar bin dafür, weil in der Modewelt vieles nur Show ist. Egal ob sie eine Professur in Norwegen hat oder eine Ausstellung bei der Art Cologne: Mit ihren Projekten bringt sie mich auf neue Gedanken.

Um mich für meine Kollektionen inspirieren zu lassen, muss ich raus, in die Straßen, in die Städte, da sauge ich alles auf. Gehe in Galerien, ich sehe ein Geschirr oder esse ein Risotto und beobachte, wie das Essen serviert wird. Und natürlich ist die Pitti Filati, die Garnmesse in Florenz, wichtig. Das ist unser Saisonauftakt, da präsentieren die Spinner ihre neuen Garne.

Ich habe mich früh für die Düsseldorfer Kunstszene interessiert. Beuys, der junge Richter, Heinz Mack, die aßen immer im „Spoerri“, einem extrem avantgardistischen Laden. Da wäre ich gerne ein- und ausgegangen, aber meine Eltern haben es verboten. Für sie war das ein Sündenpfuhl. Ich hatte damals leider noch kein eigenes Geld, ich hätte sofort Kunst gekauft, aber meine Eltern hatten dafür kein Verständnis. Sie waren überhaupt sehr streng. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich meine Kinder fast dazu gezwungen habe, sich Freiheiten zu nehmen, die sie sich gar nicht nehmen wollten.

Andrea Karg, geboren am 8. Mai 1961 in Düsseldorf, studierte Jura in München und absolvierte das erste Staats­examen. Mit ihrem Mann, den sie 1986 heiratete und mit dem sie zwei Kinder hat, gründete sie 1993 das weltweit erfolgreiche Cashmerelabel Allude. Hobbys: Golf, Joggen.

Doris Frohnapfel, 59, ist stolz auf ihre Cousine Andrea Karg

Ich finde es toll, was Andrea auf die Beine gestellt hat. Wir sind uns sehr ähnlich darin, dass wir Dinge zu Ende bringen – selbst wenn wir etwas nicht so gerne machen. Ich habe während des Architekturstudiums gemerkt, dass das nicht das ist, was ich will. Trotzdem habe ich mein Diplom gemacht. Mein Vater war Bauingenieur, Andreas Vater hatte eine Schreinerei, man könnte also denken, da hätten wir unsere künstlerischen oder schöpferischen Wurzeln. Aber so war es nicht, unsere Eltern waren sehr pragmatisch. Ich erinnere mich, wie wir mit einem Koffer zum Einkaufen in die Stadt fuhren. Da wurden an einem Nachmittag alle Kinder eingekleidet, dann war das erledigt. Und meine Schwester und ich bekamen den gleichen Rock, weil der gerade günstig war.

Der Einzige in unserer Familie, der wirklich künstlerisch veranlagt war, war Onkel Walter. Walter Zemma, Direktor des Kostümwesens am Düsseldorfer Schauspielhaus. Er hatte Figurinen von berühmten Bühnenbildzeichnern, die waren fürs Theater so bedeutend wie Yves Saint Laurent für die Mode. Er schenkte uns auch manchmal Karten fürs Schauspielhaus. Als Schülerin machte ich ein Praktikum in seinen Malerwerkstätten, dann studierte ich Bühnenbild in Köln. Für meine Eltern war er ein beruhigendes Beispiel dafür, dass man davon leben kann. Das kam ihnen nicht ganz so Van-Gogh-mäßig vor wie ein Kunststudium. Ich wollte schon immer Künstlerin werden, erst nachdem ich eine Weile im Architekturbüro gejobbt habe, wagte ich endlich den Schritt.

Ich hatte oft sehr wenig Geld. Irgendwann habe ich mich auf gut Glück in Norwegen an der Kunsthochschule beworben. Ich war dann sechs oder sieben Jahre in Bergen, der regenreichsten Stadt Europas. Der Winter ist irre lang, von Oktober bis April. Wenn ich Ostern in Köln war und da die ersten Knospen sah, war es schon sehr hart, wieder ins totale Grau zurückzukommen.

Mein Stil ist reduziert, da sind Andrea und ich uns ähnlich. Kein Hang zum Schnickschnack. Ich komme von der Fotografie, da muss man sich mit der Realität auseinandersetzen, deshalb mag ich das Zufällige. Ich habe mich sogar so weit reduziert, dass ich kein Lager habe – für eine Künstlerin ist das sehr ungewöhnlich. Aber ich entwickele daraus Projekte: Dinge, die sich gut wieder zusammenpacken lassen. Ich habe keine Arbeiten, die nicht durch eine Tür passen.

Doris Frohnapfel, geboren am 11. Januar 1959 in Düsseldorf, studierte erst Bühnenbild, dann Kunst in Köln, dann Architektur in Aachen. Sie jobbte in Stadt­planungsbüros, bevor sie sich ganz der Kunst widmete. Mit ihrem Lebensgefährten lebt sie in Köln­ Ehrenfeld. Hobbys: Zeitunglesen, Fahrradtouren.

Protokolle: Gabriela Herpell