Wege zur Muße

Spazieren gehen: Das Glück geht zu Fuß

Frau beim spazieren gehen | © iStock | chabybucko
"Gehen ist des Menschen beste Medizin", sagte schon Hippokrates.
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Hatten wir fast vergessen, wie gut es tut, zu gehen. Eine Liebeserklärung an den Spaziergang. Lesen, loslaufen, loslassen.

Nutze den Tag! Was für den römischen Dichter Horaz der Aufruf war, die knappe Lebenszeit bewusst zu genießen, ist inzwischen zum Mantra der Leistungsgesellschaft geworden. Wir sollen den Tag nicht mehr nützen, sondern ausnützen, ausquetschen, bis in die letzte kleine Sekunde. Wer kann sich schon leisten, Zeit zu verschwenden? Die überraschende Antwort: jeder. Jeder Mensch kann und muss es sich leisten, alle möglichen Dinge in seinem Leben auf die langsamste, krummste oder vergnüglichste Weise zu tun, anstatt immer wieder nur auf die nutzbringendste. Denn das Leben ist wirklich kurz. Auf jeden Fall zu kurz, um es nur mit Arbeit und Selbstoptimierung zu verbringen.

Die Erfahrung von Müßiggang ist wichtig, wenn wir wirklich leben wollen. Und im Gegensatz zu allen Wellness-Angeboten und Achtsamkeits-Coachings ist sie sogar kostenlos. Einer der einfachsten und zugleich wirkungsvollsten Wege zur Muße - das Spazierengehen.

Einfach losgehen

Und so stehst du an einem sonnigen Nachmittag vor deiner Tür, irgendetwas hat dich rausgetrieben. Vielleicht bist du müde gewesen und uninspiriert oder aufgedreht und nervös, vielleicht zu traurig, zu wütend für die Welt. Und da ist dir eingefallen, dass frische Luft hilft. Du bist aufgestanden, hast dir eine Jacke, die Sonnenbrille geschnappt und hast das Haus verlassen.

Während du die ersten Schritte machst, drehen sich Pläne, Probleme und Fantasien in deinem Kopf wie ein Riesenrad mit defektem Aus-Knopf. Du erzählst dir wieder und wieder dein Leben, während neben dir ein alter Mann mit einem Hund vorbeigeht und süße Tropfen Lindensaft unbemerkt auf deinen Schultern landen. Du kriegst nichts mit, hörst nur die altbekannte Stimme, die Selbstgespräche führt. Aber du gehst einfach weiter.

Kurze Zeit später ist der Lärm deiner Gedanken leiser geworden und du fängst an, deine Umgebung wahrzunehmen. Das Grün der Bäume und das Gelb und Weiß der Sträucher. Eine neue Eisdiele und davor ein Mädchen mit bekleckertem T-Shirt, das Geräusch einer vorbeifahrenden Tram. Manchmal wirfst du in Schaufenstern und Autoscheiben einen Blick auf dein Spiegelbild und nach einer Weile hörst du auf, es zu beurteilen, siehst freundlich daran vorbei; endlich bist du still. Dafür fangen andere Dinge an zu sprechen. Du kräuselst die Nase, es riecht nach Lindenblüten, nach Abgasen und gegrilltem Fleisch. Du spürst die Luft auf deiner Haut und die Sonne in deinem Gesicht, du spannst deine Hände an und lässt sie wieder los, während du ganz langsam in deinen Körper hineinsinkst, anstatt mit irrer Geschwindigkeit über ihm zu kreisen.

"Gehen ist des Menschen beste Medizin", sagte Hippokrates. Gehen erdet, entschleunigt und entspannt. Man kann durch einen Park hetzen, ohne ihn je zu betreten. Aber das Wesen des Spaziergangs ist Muße. Es hilft, sich von Anfang an bewusst auf seinen Atem und den Kontakt der Füße mit dem Boden zu konzentrieren. Die Schweizer Pädagogin Ruth Gottschall nennt das "mit den Füßen atmen". Balsam für überreizte Nerven und eine große Hilfe, wenn man wenig Zeit hat.

Spazieren gehen & Abstand gewinnen

Du gehst schon eine ganze Weile und hast endlich aufgehört zu denken. Du bist nur noch Sehen und Riechen und Gehen. Als du eine Bank siehst, setzt du dich hin. Greifst nach dem Smartphone und lässt es mit einem Lächeln wieder in die Tasche gleiten, ohne einen Blick darauf zu werfen. Diese Zeit gehört dir. Du sitzt einfach da und tust gar nichts, und es wird dir bewusst, dass du gerade nutzlos, aber nicht wertlos bist. Du bist einfach da. Wie die Bank und die Bäume und die zwei verliebten Teenager eine Bank weiter. Das macht dich auf eine einfache und tiefe Weise froh. Auf einmal merkst du, dass du Sehnsucht nach einer alten Freundin hast, an die du lange schon nicht mehr gedacht hast. Du versprichst dir, sie später anzurufen, und die Freude auf deinem Gesicht wird größer, ohne dass es dir bewusst ist.

Wir brauchen diese Momente des Innehaltens, um uns daran zu erinnern, was uns wirklich wichtig ist. Um zu prüfen, ob das, was wir tun, wirklich das ist, was wir tun möchten. Dazu braucht man Abstand. Ein Spaziergang ist die einfachste Methode, eine kleine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Man braucht nur Beine, Füße und einen Haustürschlüssel. Schon ein Gang um den Block verändert die Energie des Tages. Schlechte Gefühle wie Überdruss, Anspannung oder Gereiztheit sind nur Ausdruck körperlichen Unwohlseins. Wir sorgen uns, ob der Hund dreimal am Tag Gassi geführt wird. Unser eigener Körper aber soll sitzen und gehorchen, als hätte er kein Recht auf Zufriedenheit. Mit jedem Spaziergang zeigen wir uns deshalb auch, dass wir uns selbst wichtig nehmen.

Den eigenen Rhythmus finden

Du bist weitergegangen. Du machst Strecke, nicht zu schnell, aber stetig. Währenddessen blickst du umher, Mücken summen für einen Moment vor deiner Nase, ein faulig-süßlicher Duft kreuzt deinen Weg, Blätter und Gräser glänzen fast weiß im Sonnenlicht. Und während du an einer jungen Frau vorbeigehst, kommt dir auf einmal die Lösung für ein Problem in den Sinn, über das du schon lange nachdenkst. Du weißt jetzt, was du sagen oder schreiben willst, wie sich eine bestimmte Aufgabe bewältigen lässt oder was das richtige Geschenk für deine Tochter ist. Du hast gar nicht daran gedacht. Dein Unbewusstes hat dir den Einfall einfach geschenkt. Wie ein Kind neigst du deinen Kopf und gehst beschwingt nach Hause.

Spazieren gehen bewegt nicht nur den Körper und hilft dabei, sich selbst wieder zu spüren. Gehen ist auch ein Weg zum Unbewussten und seiner unerschöpflichen Kreativität. Das Geheimnis besteht darin, über das, was uns beschäftigt, nachzudenken und dann loszulassen. Und loszugehen. Philosophen und Künstler singen seit Jahrhunderten Loblieder auf den Spaziergang. Rousseau und Nietzsche gingen spazieren, um den Gedanken einen Rhythmus zu geben. Das funktioniert natürlich auch beim Schreiben einer komplizierten Mail oder beim Planen einer Präsentation. Ein Spaziergang schafft Raum für Wissen, Gespür und Intuition. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard sagte: "Ich habe mir meine besten Gedanken ergangen und kenne keinen Kummer, den man nicht weggehen kann."

Damit berührt er das Wesen des Gehens, des einfachsten aller großen Dinge. Wenn wir nicht mehr weinen können, können wir gehen. Wenn wir nicht mehr sprechen können, können wir gehen. Wenn die Welt uns ein Rätsel geworden ist und wir in ihr fremd sind, können wir gehen. Gehen ist eines der ersten Dinge, die wir lernen, und eines der letzten Dinge, die uns genommen werden. Zugleich haben die Füße eine Weisheit, die der Kopf nicht kennt. "Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert", sagte Goethe.

Wir können die Welt nicht immer begreifen. Aber wir können sie begehen. Und jeder Schritt, den wir machen, führt uns zugleich näher zu uns selbst. 

Text: Ariadne von Schirach