Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Das Cougar-Phänomen

Das Cougar-Phänomen | © Yvonne Kuschel
Foto: Yvonne Kuschel

An Männer mit jüngeren Frauen hat man sich gewöhnt. Nun ziehen die Frauen nach – und holen sich jüngere Männer. Zumindest im Freundeskreis unseres Kolumnisten. Eine ziemliche Herausforderung für sein Ego.

Ich fange bei seiner Hose an: eine karierte Caprihose. Pink, weiß, türkis. Die Hose gehört Andy. Er trägt Stoffturnschuhe ohne Socken und einen rosafarbenen V-Ausschnitt-Pulli. Andy ist der neue Freund meiner Kumpelfreundin Silke. Er sieht aus wie ein Polo-Ralph-Lauren-Model mitten im Hamburger Herbst. Er sieht nach Geld, Gel und BWL-Grundstudium aus. Aber vor allem: jung. So saujung, dass einem die Augen brennen. Richtig, ich mag ihn nicht.

Silke, Andy und ich sitzen in einer Pizzeria auf St. Pauli. Ich bin hier, „um ihren neuen Freund zu begutachten“, so hat Silke es am Telefon angekündigt. Andy war lange „die Affäre“, von der Silke über Wochen erzählte, sie aber niemandem vorführte. Wie ein seltsames Hobby, das man verschweigt, in der Hoffnung, dass man bald das Interesse daran verliert. Jetzt ist aus dem Hobby etwas Ernsteres geworden. Und aus der Affäre Silkes Freund.

Silke ist so alt wie ich, 38. Andy? Unfassbare 24 und Teil eines Phänomens. Die Singlefrauen in meinem Freundeskreis legen sich gerade junge Liebhaber zu, Romanzen für Monate, manchmal länger. „Das ist erst mal was für den Winter“, hat Silke gesagt und es verwegen nach ausgepustetem Zigarettenrauch klingen lassen.

Cougar, englisch für „Puma“, beschreibt das Phänomen, wenn Frauen sich junge Liebhaber an Land ziehen. Und das versetzt gleichaltrige Männer in Angst und Panik. Ich blättere mal durch das Bilderbuch der Männerseele. Als Mann wächst man mit dem Gefühl auf, Glück zu haben, ein Mann zu sein. Denn man sieht bis 30 jung und gut aus. Dann wird man ein Bryan-Ferry-Typ in engen Anzügen. Dann ein grau melierter Sammler von Sportwagen, bevor man sich in die Sorte breitschultriger, brusthaariger Gigant verwandelt, der mit Mario Adorf und Helmut Schmidt in der Sauna über Ölgeschäfte mit den Russen redet. Laut dieser nah am Dachschaden entlangrasenden Logik wird man mit den Jahren immer toller und bleibt für Frauen permanent interessant. So die Theorie.

Die Cougar-Frau und ihr junger Liebhaber lassen dieses Selbstbild in sich zusammenfallen. Denn es ist offensichtlich: Andy ist jung, was alle anderen Männer plötzlich alt aussehen lässt. Silke, die dank endloser Joggingrunden und Fahrten mit dem Rennrad an guten Tagen aussieht wie eine kalifornische Cheerleaderin, kann viele Typen haben, entscheidet sich aber für Andy. Andy hat mehr Haare, als ich je hatte, und sieht so wach aus, als hätte er mit Espresso gegurgelt. Ich fühle mich schlabbrig. Als Übersprunghandlung beginnt mein Gehirn über die Anschaffung einer karierten Caprihose nachzudenken.

Jetzt wäre es fantastisch, wenn Andy sich als oberflächlicher Vollidiot rausstellen würde. Leider tut er mir den Gefallen nicht. Er erzählt von seinem Auslandsjahr in Barcelona, seinem Mitbewohner, dem Studium. Auch wenn ich es nicht zugeben mag: Er ist lustig. Und guckt immer wieder zu Silke, als wolle er kontrollieren, dass er auch nichts falsch macht.

Als Andy aufs Klo geht, gucken wir uns an. „Und?“ Er ist viel netter als Silkes letzten beiden Schwachkopf-Freunde (der eine war verheiratet und hatte Nasenhaare), ich sage es ihr genau so. „Da bin ich froh, ich hatte schon Angst, du würdest so ein Ding daraus machen, weil er jünger ist als ich“, sagt Silke. „Manche Männer Ende 30 fühlen sich ja von Andy eingeschüchtert.“ Vor meinem inneren Auge geht eine karierte Caprihose in Flammen auf. Ich gebe den schäbigsten, gekünsteltsten Lacher von mir: „Silke, ich bin 38.“ Dramatische Kunstpause: „Als Mann, da steht man drüber.“

Und auch diese "100 Zeilen Liebe"-Kolumnen solltet ihr nicht verpassen: "Diät-Duell unter Männern", "Grossraumbüro", "Männer-Erkältung", "Junge Chefs" und "Volldampfleben"