Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Verrückt nach Horoskopen

100 Zeilen Liebe | © Eric Giriat
Foto: Eric Giriat

Sternstunden oder Star Wars? Egal. Einmal in Jahr ist auch York Pijahn (Zwillinge) verrückt nach Horoskopen.

Ihr kennt mich. Ich bin der Typ, der vor dem Buchladen-Grabbeltisch steht. Nein, nicht steht, sondern kauert, auf allen vieren. Derjenige, der seinen Kopf in die unterste Etage klemmt: zu den Knut-der-Eisbär-Kalendern-2007, zu den Bodybuilding-Ratgebern für Schwangere und den Bombennächten-Bildbänden. Und dann zu den Stars des Grabbeltischs: den Horoskopbüchern. Die sind für Sternzeichen-Gläubige wie mich  ein sanftes Peeling für die Seele. Nirgendwo sonst bekomme ich so en bloc erklärt, was für ein feiner Mensch ich bin. Ein gutes, also ein besonders wohlmeinendes Horoskopbuch kann mit dem Effekt von fünf  Stunden Gesprächstherapie mithalten. Aber vielleicht gilt das auch nur für mich, einen Zwilling mit Aszendent Waage. Laut Horoskopen habe ich neben amoklaufender Eitelkeit die Charaktereigenschaften von Rudi  Carrell, gepaart mit denen des Fürsten von Metternich, sprich: eine Labertasche mit diplomatischem Geschick und dem dusseligen Herz eines Golden Retrievers.

Solche Ratgeber machen das Leben besser und im November sicherer. Denn der November ist die Zeit des Jahreshoroskops. Die Würfel werden gerollt und bleiben 365 Tage lang liegen, rien ne va plus, ein Jahr lang Sternstunden oder Star Wars. Nur mit einem Horoskopbuch in der Hinterhand, das mir versichert, so ein Spitzentyp wie ich sei für immer im Wellness-Bereich des Lebens einquartiert, ist das Jahreshoroskop zu ertragen. Was, wenn der Wetterbericht der Sterne zwölf Monate volle Kanne Regen voraussagt? Schauen Sie sich mal die Prognosen für die Jungfrau von 2012 bis 2016 an. Lieber einen Monat am Fließband einer ukrainischen Hühnerfabrik arbeiten als Jungfrau sein, sag ich immer. Die hat ja bekanntlich den rechten Winkel erfunden, leitet die Buchhaltungen dieser Welt und trennt den Müll in neun verschiedene Behälter, die alte Streberin.

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Zwei junge Frauen am Strand | © iStock | molchanovdmitry

Womit wir bei der dunklen Seite der Horoskope angelangt wären. So wie der Fußballfan seinen eigenen Verein liebt und andere sympathisch findet, liebt der Horoskop-Fan sein eigenes Sternzeichen und drückt ein  paar anderen die Daumen. Wassermänner und Löwen zu mir! Alles feine Menschen. Freiheitsliebend, fahren gern in den Urlaub und sind bereit, dem schwallernden Zwilling das Ohr zu leihen. Bevor ich mit den dauernd auf ihre Privatsphäre pochenden Fischen in den Urlaub fahren würde, ja, da wäre ich schon lieber eine erbsenzählende Jungfrau.

Ich wette zehn zu eins, dass der Däne Helmuth Nyborg Jungfrau ist. Nyborg hat 2006 an der Universität Aarhus untersucht, ob bestimmte Sternzeichen besonders gut zueinanderpassen. Kam natürlich nix bei raus. Hallo! Aufwachen! Der Typ ist JUNG-FRAU! Bevor der zugibt, dass er heimlich Horoskope liest, würde er sich in Guantánomo zur Pediküre anmelden.

Mein Tageshoroskop sagt für heute übrigens einen gewissen Hang zum Ungerechterweise-andere-Leute-mit-Schlamm-Bewerfen voraus. Könnte was dran sein. Wobei ich mir eines ausgesucht habe, in dem langatmig von Planetenkonstellationen erzählt wird. Uranus-Einfluss im dritten Haus, Mars schiebt sich irgendwohin und der Polarstern hängt zu weit links. Man sieht im Geiste Madame Teissier, die Hausastrologin des ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand, die Beine übereinanderschlagen.

"Nirgendwo sonst bekomme ich so anschaulich erklärt, was für ein feiner Kerl ich bin"

Für mich völlig ungeeignet. Ich will keine Wissenschaft. Ich will Genuss und Zuversicht. Ich will wissen, was der Tag bringt, und es soll etwas Gutes sein, das ist doch nicht zu viel verlangt, ruft der ungeduldige Zwilling in mir. Ich nehme jetzt allen Mut zusammen und blättere mich durch das erste Jahreshoroskop. Wird schon hinhauen. Und wenn alles den Bach runtergeht – dann rufe ich eine Jungfrau an. Die nerven zwar  ungemein, aber auf die kann man sich wenigstens verlassen.

Und auch die "100 Zeilen Liebe"-Kolumnen "Ferien am Nacktstrand", "Nachbarn, die Sex haben", "Der Babyjoker" und "Midlife Crisis" solltet ihr nicht verpassen!

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