Expertin im Interview

Burnout: Wenn der Kopf eine Pause braucht

Frau sitzt an Schreibtisch und lehnt Kopf erschöpft an ihre zusammengelegten Hände | © iStock | MangoStar_Studio
Typische Auslöser für ein Burnout: andauernder Stress und fehlende Wertschätzung, zum Beispiel am Arbeitsplatz.
Foto: iStock | MangoStar_Studio

Egal ob Rechtsanwältin oder Mechaniker, PR-Manager oder Arzthelferin: Das Gefühl, ausgebrannt zu sein, kennen immer mehr Menschen – unabhängig von ihrem Beruf. Rund vier bis fünf Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden an Burnout, Tendenz steigend. Lange war die Erkrankung ein Tabuthema, über das Betroffene (wenn überhaupt) nur mit ihren Therapeuten sprachen. Mittlerweile ist das Burnout-Syndrom in der Mitte der Gesellschaft angekommen und so präsent, dass sogar Filme es aufgreifen: Die Komödie „Happy Burnout“ mit Wotan Wilke Möhring zum Beispiel dreht sich um mehrere Burnout-Patienten, die in einer Klinik aufeinandertreffen – und auf humorvolle Weise zeigen, dass „Ausgebranntsein“ kein Grund ist, sich zu schämen.

Was ist Burnout?

„To burn out“ heißt auf Englisch so viel wie „ausbrennen“ und bezeichnet einen Zustand dauerhafter emotionaler Erschöpfung und chronischer Überforderung. Eine eindeutige medizinische Diagnose für ein Burnout gibt es nicht, die Anzeichen äußern sich bei jedem Mensch anders. Allerdings gibt es sowohl bei den Ursachen als auch den Symptomen häufig Überschneidungen mit einer Depression.

Ursachen für ein Burnout-Syndrom

Die Auslöser für Dauerstress und chronische Erschöpfung lassen sich in zwei Kategorien einordnen: situative Ursachen, etwa Stress am Arbeitsplatz, und persönliche Faktoren wie beispielsweise das individuelle Stressempfinden. Während bei einigen Betroffenen bereits ein kurze Stressphase im Job ein Burnout auslöst, können andere Menschen Belastungszustände jahrelang kompensieren, ohne sich ausgebrannt zu fühlen.

Als Burnout-Risikogruppe gelten Personen mit einem schwach ausgeprägten Selbstbewusstsein, aber auch sehr engagierte, leistungsorientierte Charaktere, die an sich selbst und andere hohe Ansprüche stellen. Fühlen solche „High Performer“ sich beispielsweise von unerfüllbaren Vorgaben, Erfolgsdruck oder einem schlechten Betriebsklima unter Druck gesetzt, macht sich anhaltende Frustration breit. Lassen die eigenen Ziele sich trotz aller Bemühungen nicht erreichen, stellt sich schließlich das Gefühl ein, ausgelaugt zu sein und einfach nicht mehr zu können. Besonders schnell kann sich psychische Dauerbelastung zu einem Burnout-Syndrom entwickeln, wenn mehrere frustrierende Ereignisse im Berufs- oder Privatleben innerhalb kurzer Zeit aufeinanderfolgen.

Symptome: Wie äußert sich ein Burnout?

Mit welchen psychischen und körperlichen Anzeichen sich ein Burnout äußert, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Oft sind nicht die Symptome, sondern die Ursachen (etwa Leistungsdruck im Job) ausschlaggebend dafür, ob man die Diagnose Burnout erhält. Hinter anhaltender Erschöpfung muss aber nicht zwangsläufig ein Burnout-Syndrom stecken. Wer zum Beispiel an einer Schilddrüsenunterfunktion leidet, fühlt sich ebenfalls oft schlapp, antriebslos und ausgebrannt.

Typisch für ein Burnout: Zu Beginn versuchen Betroffene, ihre Überforderung zu überspielen. Sie stürzen sich beispielsweise fieberhaft in die Arbeit, sitzen jeden Tag bis spät abends im Büro – und bemerken ihre Probleme dabei oft gar nicht. Dieses Überengagement weicht allerdings nach kurzer Zeit kompletter Resignation.

Folgende Symptome können ebenfalls Anzeichen für ein Burnout-Syndrom sein:

– Andauernde Müdigkeit und Erschöpfung: Betroffenen fallen selbst einfache Aufgaben schwer. Ihnen fehlt der Antrieb und Mut, Dinge anzugehen. Gleichzeitig haben sie das Gefühl, einfach nicht mehr abschalten zu können.

– Nachlassende Leistungsfähigkeit: Burnout-Patienten haben zunehmend Probleme, sich zu konzentrieren. Hinzu kommt Nervosität und das Gefühl, die Arbeit nicht mehr wie früher bewältigen zu können.

– Sozialer Rückzug: Wer sich ausgebrannt fühlt, vernachlässigt in der Regel seine Familie, Freunde und Hobbys.

– Innere Leere und Sinnverlust: Betroffene haben schlechte Laune, reagieren zynisch und fühlen sich niedergeschlagen, oft sogar depressiv.

– Körperliche Beschwerden: Häufig geht ein Burnout mit Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Verdauungsproblemen, Rückenschmerzen, Infekten und Gewichtsveränderungen einher.

Diagnose: So erkennt man chronische Erschöpfung

Wie andere psychische Erkrankungen auch lässt ein Burnout sich nicht eindeutig diagnostizieren. In der Regel führt der Arzt ein intensives Gespräch mit dem Patienten und ordnet die Symptome anhand verschiedener Fragebögen ein. Oft ist es für Betroffene am einfachsten, sich für die Erstanamnese an ihren Haus- oder Betriebsarzt zu wenden. Meist überweist dieser den Patienten anschließend an einen Facharzt, der sowohl körperliche als auch psychische Aspekte bei der Diagnose berücksichtigt. Um körperliche Ursachen auszuschließen, führt der behandelnde Mediziner einen Bluttest durch. Die Werte lassen eindeutig erkennen, ob ein Burnout die chronische Erschöpfung bedingt oder ob beispielsweise ein Tumor, eine Schilddrüsenerkrankung oder ein Infekt der Auslöser sein könnte.

Diese Burnout-Tests gibt es

Maslach Burnout Inventory (MBI): Mithilfe des Selbsttests lässt die individuelle Burnout-Gefährdung sich anhand von 22 Fragen ermitteln. Der Fragebogen dreht sich unter anderem um emotionale Erschöpfung, Zynismus, Leistungszufriedenheit und Frustration am Arbeitsplatz. Wer den Test macht, muss Fragen wie „Ich fühle mich durch die Arbeit emotional erschöpft.“ mit „ja“ oder „nein“ beantworten.

Tedium Measure (Burnout Measure): Der Burnout-Test umfasst 21 Fragen. Dabei bewertet man Aussagen wie „Fühlen Sie sich niedergeschlagen?“ oder „Fühlen Sie sich hoffnungslos?“ auf einer Skala von 1 („trifft nie zu“) bis 7 („trifft immer zu“). Am Ende des Test wird der persönliche „Überdrusswert“ berechnet: Je höher er ist, desto größer die Burnout-Gefahr.

Behandlung: Was tun bei Burnout?

Chronische Erschöpfung äußert sich von Patient zu Patient mit unterschiedlichen Symptomen. Entsprechend individuell sollte der Therapieansatz sein. Um sich aus dem Hamsterrad zu befreien, ist es für Betroffene entscheidend, ihre Denk- und Verhaltensmuster Schritt für Schritt zu ändern. Das heißt: die eigenen Erwartungen zu überprüfen (und eventuell herunterzuschrauben), Pausen einzulegen, Stressbewältigung zu lernen, das soziale Netzwerk zu stärken und zu einem gesunden Leben zurückzufinden. Dabei ist es hilfreich, sich von einem Arzt oder Therapeuten unterstützen zu lassen. Ist der Job für das Burnout (mit-)verantwortlich, sollten Betroffene in Erwägung ziehen, ihre Arbeitssituation zu verändern. Das heißt nicht zwangsläufig, dass man kündigen sollte. Schon kleine Veränderungen, zum Beispiel ein Homeoffice-Tag pro Woche, können für Entlastung sorgen. In besonders schweren Fällen können auch Medikamente wie Antidepressiva die Burnout-Therapie untersützten.

Hilft Psychotherapie bei Burnout?

Regelmäßige Besuche bei einem Psychotherapeuten empfinden die meisten Patienten als hilfreich. Der Experte zeigt ihnen, wie sie ihr Selbstvertrauen aufbauen, die eigenen Gefühle besser ausdrücken und Stress sowie Konflikte konstruktiv bewältigen können. Dafür gibt es in der Psychotherpie verschiedene Therapieansätze. Je nachdem, welche Ursachen die Burnout-Erkrankung hat, sind unterschiedliche Schwerpunkte oder eine Kombination verschiedener Ansätze sinnvoll.

- Verhaltenstherapie zielt darauf ab, Patienten zur Selbsthilfe anzuleiten und jahrelang „antrainierte“ Verhaltensmuster abzulegen oder zu verändern.

Tiefenpsychologische Verhaltenstherapie unterstützt Betroffene dabei, ein stabiles Selbstbewusstsein aufzubauen.

Gruppentherapie ermöglicht Burnout-Patienten den Austausch mit anderen Betroffenen. Offene Gespräche und das Teilen von Erfahrungen helfen den Teilnehmern dabei, positiv in die Zukunft zu blicken.

Körper- und Bewegungstherapie: Viele Betroffene haben verlernt, die Signale ihres Körpers zu deuten. Eine Körpertherapie unterstützt sie dabei, die eigenen Bedürfnisse besser wahrzunehmen und physische sowie psychische Anspannung zu lösen.

Burnout-Expertin im Interview

Dr. Stephanie Grabhorn ist Chefärztin der Blomenburg Privatklinik für Burnout, Depression, Angststörungen, Zwangsstörungen und Psychosen. Zuvor leitete sie mehrere Jahre lang die Sucht- und Depressionsstation der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Friedberg.

Porträtfoto von Burnout-Expertin Dr. Stephanie Grabhorn | © PR
Dr. Stephanie Grabhorn ist Expertin für Burnout-Erkrankungen und Depressionen.
Foto: PR

myself: Nimmt die Zahl der Burnout-Erkrankungen tatsächlich von Jahr zu Jahr zu – oder wird nur offener darüber gesprochen?

Meines Erachtens hat sich das Bewusstsein für diese Problematik erhöht, wodurch es zu einer Zunahme der Diagnosen kommt. Gleichzeitig gibt es einen Anstieg der tatsächlichen Fälle. Die AOK zählte 2017 durchschnittlich 5,5 Arbeitsunfähigkeitsfälle je 1.000 Mitglieder aufgrund einer Burnout-Diagnose. Damit hat sich die Diagnosehäufigkeit im letzten Jahrzehnt beinahe verdreifacht. Dazu haben sich vor allem die Krankheitsdauer und die Ausfallzeiten rapide erhöht.

Über das Smartphone ist man ständig erreichbar und vergleicht sich auf Instagram und Co. permanent mit anderen. Fördert das Burnout-Erkrankungen?

In jedem Fall führt das ständige „Checken“ des Handys zu einer häufigen Unterbrechung. Man kommt seltener in einen sogenannten Flow. Für unsere Psyche ist es aber erholsam und wichtig, sich über längere Zeit auf etwas zu konzentrieren. So gelangen wir in einen fast meditativen Zustand. Was Instagram betrifft: Ich mag das Medium und nutze es selbst als Inspirationsquelle. Bei aller Freude an kuratierten Idealbildern und inszenierten Lebensausschnitten bleibt es aber wichtig, dass wir das nicht für das echte Leben halten.

Sind bestimmte Personen(gruppen) schneller von Burnout betroffen als andere?

Vor allem die Pflichtbewussten, die Perfektionisten unter uns sind schneller betroffen. Diesen Menschen fällt es oft schwer, Selbstfürsorge zu betreiben: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ Das führt eher zu einem Burnout. Wer seine Grenzen kennt und akzeptiert, kann leichter Pausen machen, ohne sich schuldig zu fühlen.

Was sollte ich tun, wenn ein Freund, Kollege oder Familienmitglied kurz vor einem Burnout steht?

Es ist ratsam, den Betroffenen wohlwollend und mitfühlend auf die wahrgenommenen Veränderungen anzusprechen. Fragen Sie nach, wie es ihm geht, ob er sich vielleicht Unterstützung wünscht. Sagen Sie offen, dass Sie sich Sorgen machen.

Kann man einem Burnout vorbeugen – und wenn ja, wie?

Jeder Mensch hat eine individuelle Belastungsgrenze. Es ist keine Schwäche, wenn man Pausen braucht, Ruhephasen oder Zeit für Familie und Hobbys. Im Gegenteil: Es ist eine Fähigkeit mit den eigenen Ressourcen umgehen zu können. Man begegnet dem Burnout am besten, indem man gut für sich sorgt.

Würden Sie Burnout-Patienten dazu raten, im Freundeskreis, in der Familie und am Arbeitsplatz offen über ihre Erkrankung zu sprechen?

In jedem Fall sollte man mit den Angehörigen sprechen. Inwieweit man dann Kollegen oder sogar den Arbeitgeber einbezieht, muss man sich im zweiten Schritt überlegen. Meine Erfahrung ist aber, dass die meisten Menschen froh sind, wenn sie ihren Angehörigen oder Mitarbeitern helfen können und begegnen dem Thema daher eher mit Wohlwollen.

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