Wellness-Wonder-Woman

Gwyneth’ Gespür fürs Geschäft

Gwyneth Paltrow | © Getty Images | Rebecca Smeyne
Von der Bloggerin zur Chefin eines 250-Millionen- Dollar-Geschäfts: Gwyneth Paltrow hat's geschafft.
Foto: Getty Images | Rebecca Smeyne

Gwyneth Paltrow hat den Schritt von der Schauspielerin zur Unternehmerin erfolgreich gemeistert – mit ein paar Einschränkungen.

Es soll Leute geben, die bei ihrem Namen noch immer an die zerbrechliche Blondine denken, die vor mehr als 20 Jahren in Romanzen wie „Emma“ oder „Shakes­peare in Love“ die große Liebe suchte. Dabei hat sich Gwyneth Paltrow längst neu erfunden. Die Schauspielerei sei nur eine „Maskerade“ gewesen für die Unternehmerin, die in ihr steckt – und die sich innerhalb eines Jahrzehnts von der Bloggerin zur Chefin eines 250-Millionen- Dollar-Geschäfts entwickelte. Mit ihrem Lifestyle-Imperium Goop, einer Art Online-Warenkatalog mit angegliederter Lebensberatung, hat Gwyneth Paltrow längst höhere Sphären erreicht als zu ihrer Zeit als Darstellerin: Zwar spielte GP, wie sie von Mitarbeitern und Fans genannt wird, auch zuletzt noch in Welterfolgen aus dem Hause Marvel mit, doch gibt sie zu, dass sie die Filme kaum auseinanderhalten kann. Pepper Potts, so ihr Rollenname in „The Avengers: Endgame“, ist ja auch bloß die Assistentin eines Superhelden – im wahren Leben ist Gwyneth Paltrow jedoch längst: Wellness-Wonder-Woman.

Goop - die Plattform von Gwyneth Paltrow

Auf ihrer Plattform Goop, einer Wortschöpfung aus ihren Initialen und dem an Google und Yahoo angelehnten Doppelvokal, verkauft die Unternehmerin eine wundersame Mischung aus Tausend-­Dollar-Pullovern, goldenen Dildos und Wunderpülverchen. Dazu gibt es vegane Rezepte, die richtige Mode für jede Figur, aber auch Spirituelles aus dem Leben des Stars. In einem Beitrag nannte sie ihre Trennung vom britischen Popstar Chris Martin 2014 etwa „Conscious Uncoupling“, also „bewusstes Entpaaren“. Zudem glaubt sie an die Kraft der Kristalle, Heiler und eine selbst erfundene Diagnose namens „postnatale Erschöpfung“. Bei Goop gibt es auf nahezu alle Fragen des Lebens eine Antwort – und eine Bestellnummer. „Plötzlich spielte die Schauspielerin eine große Rolle im Big Business“, schrieb die New York Times über Gwyneth Paltrows Aufstieg im zeitgenössischen Wellness-Gewerbe mitsamt esoterischem Überbau.

Meistgehasste Person in Hollywood?!

Kein Wunder, dass Gwyneth Paltrow dafür auch Kritik bekommt. Mit Sätzen wie „Ich würde lieber sterben, als meinen Kindern Tütensuppen zu servieren“, bringt sie regelmäßig gestresste Mütter gegen sich auf. Vor ein paar Jahren erklärte ein US-Klatschmagazin sie aufgrund all ihrer vorgetragenen Perfektion zur „meistgehassten Person in Hollywood“. Und im vergangenen Herbst musste die Firma sogar eine Strafe für die Behauptung zahlen, dass Jade-Eier, in der weiblichen „Yoni“ getragen, Gebärmuttersenkungen verhindern könnten. Auch das von Gwyneth Paltrow gepriesene Vaginalspülgerät rief Gynä­kologen auf die Bar­rikaden. Ganz zu schweigen von ihrem „Gesundheits-Gipfel“ in London, den sie erst kürzlich veranstaltete. Für Tickets um tausend Euro gab es Maniküre, biodynamische Häppchen und Vorträge. Geradezu lustvoll berichteten die Medien von vergrätzten Besuchern, die Gwyneth Paltrow später „gierig“ und „prätentiös“ nannten – außerdem habe sie sich selbst nie unters Volk gemischt. Geschadet hat ihr das alles jedoch nicht. Oder wie sie selbst sagt: Jede Kontroverse bringt Klicks.

Alles begann mit einem Newsletter

Begonnen hat ihre Zweitkarriere 2008 mit einem Newsletter, den sie am heimischen Küchentisch verfasste: Darin verriet sie ihr liebstes Muffin-Rezept und wo es das beste Bikini-Waxing in der Stadt gab. Von einem Geschäftsmodell war sie damals zwar noch weit entfernt, ihr wichtigstes Produkt hatte sie jedoch längst im Sortiment: sich selbst. Egal ob als Unternehmerin oder Schauspielerin – in beiden Berufen brauche man einen übertrie­benen Glauben an sich selbst, sagt sie.

Stil-Vorbilder: Frauen mit beneidenswertem Stil

Stil-Vorbilder: Frauen mit beneidenswertem Stil | © Getty Images | Edward Berthelot

Goop & seine "Goopies"

Goop lebt von der Strahlkraft seiner ­Erschafferin. Einer Frau, mit einem beneidenswerten Leben, die bei anderen den Drang zur Nachahmung und Selbstoptimierung auslöst. Ihre Fans, „Goopies“ genannt, kaufen genau wie ihr Idol „pure“ Kosmetik und trinken Wasser, das von „negativer Energie“ befreit ist. Als sie im vergangenen Jahr eine Zeitschrift ­herausbrachte, strahlte auf dem Titel: Gwyneth Paltrow, wer sonst. 15 Dollar kostet das Ding, im Vergleich zu vielen anderen Produkten aber immer noch ein Schnäppchen im Goop-Universum. Gleich in der zweiten Ausgabe im Januar letzten Jahres präsentierte die Herausgeberin auflagenförderlich ihren damaligen Verlobten Brad Falchuk, 48, der ihr ohnehin schon makelloses Leben noch um eine Prise Sex-Appeal bereicherte. Die beiden hatten sich 2010 bei Dreharbeiten zu „Glee“ kennengelernt, der Musicalserie, in der sie eine Gastrolle spielte.

Und Falchuk, selbst nicht unbegabt im Spiel um die Ökonomie der Aufmerksamkeit, macht munter mit. „Heiliger Mist, ich bin so verliebt in dich“, schreibt er auf Instagram und postet ein Foto, das seine Ehefrau bei Pizza, Rotwein, Handy zeigt – „und mit diesem verdammt perfekten Lächeln“. Eine ­Liebeserklärung, klar, aber eben auch Image-Pflege für die Gattin. Das kann man albern finden oder nicht.

Fest steht: Gwyneth Paltrow hat mit ihrem Unternehmen einen Nerv getroffen. Fängt sie mit Goop doch genau jene Stimmung im Land ein, in der Fakten und Gefühle irgendwie das Gleiche sind. Oder anders gesagt, man muss nur fest genug an die Wirkung von Intim-Ausdampfungen glauben, dann helfen sie schon. Womit wir wieder bei Wellness-Wonder-Womans Geheimwaffe wären: von sich selbst überzeugt sein. Und, ganz ehrlich, in diesem Punkt ein bisschen mehr wie Gwyneth Paltrow zu sein täte uns doch allen gut.

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